Weihnachtsgeschichte


Hallo ihr Lieben,

hier wieder eine kleine Weihnachtsgeschichte für euch. Habt viel Spaß damit.
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Spuren im Schnee

Die eisige Nachtluft trug den dumpfen Lärm des Weihnachtsmarktes heran, noch bevor sie durch das Tor in die engen Gassen der Marktstände traten. Schrilles Lachen und Gesprächsfetzen rissen in dem immer wieder aufkommenden, scharfen Wind von den Lippen der Menschen.
Hunderte drängten sich durch die Straßen der Innenstadt zum Marktplatz hinab. Einige gemeinsam mit ihren Familien, andere allein. Schwere Parfumwolken hingen wie feuchtwarmer Atem zwischen den Wänden der Häuser. Ein schwach sauerer Geruch nach Glühwein mischte sich in den Duft von Süßigkeiten und Bratwurst. Über ihren Köpfen schwebten Schneeflocken herab und setzten sich in Haare und Stoff, um von kleine Kristalle zu unansehnlichen Tropfen zu schmelzen.
Modriger Geruch stieg aus alten Wollstoffen auf.
Philippe gefielen die strengen Gerüche nicht besonders. Er empfand besonders das Eau de Toilette einzelner Frauen als unerträglich, wenn es sich langsam mit Schweiß, Alkohol und dem schmelzenden Schnee mischte und zu etwas widerlich Klebrigen in der Nachtluft wurde.
Die gesamte Situation kam ihm vor wie ein Alptraum. Dieses künstlich fröhliche Weihnachtsfest stand in keiner Verbindung mehr zu dem, was er aus seiner Kindheit kannte.
Umso mehr schien es Krümel zuzusagen. Der junge Mann ging dicht an seiner Seite, sodass sich ihre Arme immer wieder berührten.
Philippe sah in dem friedvollen Gesicht seines Partners unbeschreibliches Glück über die momentane Situation. Er genoss das Gedränge der Vorweihnachtstage, die dumpfe Hitze in all der winterlichen Kälte und die wilde, erregende Hektik der Menschen.
Das Leben des jungen Mannes hatte ihm in den Jahren zuvor wenig Gutes geboten; schon gar keine Freuden wie diese. Krümel sah die Welt deswegen eher mit den Augen eines Kindes. Er filterte ganz selbstverständlich alles Künstliche und Aufgesetzte aus. So blieben von Plastikfiguren mit LED-Beleuchtung, Weihnachtsbäumen, geschmückt mit flirrendem Unsinn und bedrängender Enge zwischen hektischen Menschen nur die warmen Gefühle und der Duft nach den kommenden Festtagen.
Das elektrische Weihnachten bemerkte Krümel nicht.
Vermutlich nahm er auch nichts von der unheimlichen Kälte zwischen den Ständen des Weihnachtsmarktes wahr, und den tiefen Schatten, in denen sich Dinge verbargen, die alle Besucher in diesen Tagen verdrängten. Sorglosigkeit nach Kalendarium, dachte Philippe bitter.
Trotzdem erinnerte er sich seiner eigenen Kindheit.

Krümel vergrub seine Hände in den Taschen seiner Jacke und barg sein Gesicht bis zur Nase in dem grellgrünen Pali, während er sich versonnen an Philippe lehnte. Scheinbar fror er. Philippe konnte es nachvollziehen. Die bittere Kälte grub sich auch unter seinen dichten, schwarzen Wollmantel. Er suchte selbst die Wärme seines Freundes. Mit einem Arm umschlang er die Schultern Krümels und zog ihn eng an sich. Der junge Punk hob lächelnd den Kopf und blinzelte Philippe zu. Er ging sehr frei mit seinen Gefühlen und seiner Homosexualität um. Philippe sah seinerseits auch keinen Hinderungsgrund, nicht ebenso offen zu reagieren. Ihm war es nicht unangenehm. Jeder konnte sehen, dass sich zwei Männer ineinander verliebt hatten. Gerade diese Wärme war es, die für ihn in diesem Jahr die Weihnachtszeit zu etwas besonderem erhob; Krümels liebevolle Dankbarkeit.
Deshalb gab Philippe sich alle Mühe, Krümels kindliche Träume zu erfüllen und ihm die Art Weihnachten zu gewähren, die er aus seiner eigenen weit entfernten Kindheit kannte.
Der junge Mann ging mit geschlossenen Augen dicht an ihn gedrängt. Krümel genoss ganz offen den Moment mit der gleichen Lust nach Leben, wie er wenige Stunden zuvor Philippes Gegenwart und seine heiße Haut genossen hatte. Mit unwiderstehlicher Gier trank er das brodelnde Leben um sich, atmete sehnsüchtig die verschiedenen Gerüche ein und verschmolz sie hinter seinen geschlossenen Lidern zu etwas eigenem, was er unauslöschlich für immer in sich tragen würde.
Philippe verstand die Sehnsucht nach Leben und Glück nur zu gut, konnte sie nachempfinden, aber sie berührte schon lange nicht mehr sein Herz. Dazu brauchte er Krümel, der für ihn diese kindliche Erregung ausleben konnte. Er beobachtete Krümels blasses, hübsches Knabengesicht, die nervös flatternden Lider, die ihn an ihren ersten Kuss erinnerte, seine rot gefrorene Nasenspitze und das Lächeln auf seinen vollen Lippen. Vorsichtig strich Philippe ihm mit den Fingern über die Wange bis zu seiner Schläfe und den stacheligen, bunten Haaren, die Krümel in Spikes abstanden.
Ein tiefes, zärtliches Gefühl ergriff Philipps Seele und wärmte ihn. Der schwache Hauch dessen, was Krümel wohl empfand, streifte sein Herz. Er vergaß kurzzeitig, dass ihn all die Menschen störten und er den Weihnachtsgedanken schon lange verloren hatte. In dem friedlichen Gesicht fand er all das, was ihn in der Kälte zu wärmen vermochte. Glück und Liebe.
Langsam hob Krümel die Lider. Er strahlte Philippe an, bevor dieser seinen Aufmerksamkeit von ihm abwendete. Neugierig ließ Krümel seine Blicke schweifen. Er wies über die Dächer der Stände und die Dampfwolken  hinweg zu dem mächtigen Tannenbaum, der jenseits des Marktes vor dem Rathaus stand.
„Wie hoch der wohl ist?“, fragte er leise.
Philippe hob eine Braue. Er schätzte die Tanne ungefähr an der Höhe des Gebäudes.
„Sieben bis acht Meter denke ich“, antwortete er ruhig.
„Für mich geht er direkt bis zu den Sternen“, lachte Krümel. Philippe grinste. Vermutlich reichte der Baum in Krümels lebhafter Fantasie wirklich in den Himmel.
Wie so oft reichte seine Aufmerksamkeit kaum lange genug aus, um sich an der Vorstellung länger aufzuhalten. Er deutete zu den goldenen Gebilden, die zwischen den Verkaufsständen aufragten und in die Nacht hinauf glühten. Vermutlich sollten sie die Wiesbadener Lilien darstellen, oder tatsächlich Sternschnuppen. In Philippes Augen nahmen sie eher die Form verdrehter, vollbeleuchteter Sonnenschirme an. Krümel maß sie mit verträumten Blicken.
„Goldene Blüten“, murmelte er versonnen. „Sie sehen aus, als wären sie vom Himmel gefallen und hier erstarrt.“
Philippe versuchte sich seine Worte bildlich vorzustellen. Allerdings deckte sich Krümels Vorstellung in keinem Fall mit der Realität, zumal unter dem festgetretenen Schnee und den Kabelschienen die Lebensadern der Blüten schlummerten und die Stadt sicher ein Vermögen kosteten. Dennoch tauchten die Sternschnuppen den gesamten Platz in weiches, vorweihnachtlich-heiliges Licht. Die Gefühle erhoben sich angesichts der Szenerie.
Krümel löste sich von ihm. Dort, wo er sich eben noch angelehnt hatte, blieb eine kalte Stelle zurück. Der junge Mann schob sich an ein paar anderen Jugendlichen in seinem Alter vorüber, um vor dem Marktkeller des alten Rathauses an einem Maronenstand stehen zu bleiben. Einige Mädchen und ein paar ältere Herrschaften warteten bereits in einer Schlange, die ständig wieder von anderen Marktbesuchern zerrissen wurde. Der Verkäufer stand in Schürze, Mütze und dicker Jacke über den Rost geneigt, das breite Mondgesicht unrasiert und rot von dem Wechsel zwischen Hitze und Kälte. Er füllte gerade neue Papiertüten, um sie in einem Gitter aufzustellen. Nachdem er einigen Mädchen für eine große Tüte fünf Euro abgenommen hatte, neigte sich hinunter und hob einen Sack mit ungerösteten Maronen an. Die kleinen, dunkelbraunen Früchte rollten aus dem Jutebeutel und sprangen über die Metallstreben des Rostes. Flammen knackten. Funken stiegen auf und legten sich still nieder.
Philippe betrachtete stumm das Bild seiner eigenen Kindheit. Für einen Moment sah er sich selbst als Jungen in der Schlange stehen, die Augen groß, die Wangen kalt und das Herz von Vorfreude bis zum Platzen gefüllt. Er roch den intensiven Duft der Maronen und den Schweiß des Mannes am Stand. Obwohl er keine Handschuhe trug, fühlte er die grobe, raue Wolle farblos grauer Fäustlinge und den dicken Wollschal, den ihm seine Stiefmutter umgelegt und unter dem Kinn verknotet hatte. Er konnte sich kaum vernünftig in den dicken Sachen bewegen, schwitzte sogar ein wenig, obwohl seine Haut eisig war und seine Füße in den Stiefeln schön längst erfroren waren. Seine Zehen nahm er wie etwas fremdes, hölzernes wahr, was nicht zu ihm gehörte. Verwirrt sah er auf und über die Schulter. Automatisch erwartete er, seinen Vater und seine Stiefmutter zu sehen. Aber hinter ihm strömten nur weitere Marktbesucher heran und blieben an den ersten Gebäck- und Weinständen hängen.
Als sein Blick zurück schwang, streifte er das große, altertümliche Karussell, aus dem neunzehnten Jahrhundert; seiner Kinderzeit. Mit den bunt bemalten Figuren und Wagen und den zwei Etagen verblassender Erinnerungen regte sich das Gefühl von etwas lauerndem, bösem, dem er vor so langen Jahren den Rücken gekehrt hatte.
Rasch drehte er sich ab.
„Magst du eine?“, fragte Krümel.
Philippe –jäh aus seinen Erinnerungen gerissen – erschrak. Aus einem Reflex heraus schüttelte er den Kopf.
Enttäuscht betrachtete Krümel ihn. Der Blick löste Schuldgefühle in Philippe aus.
„Sorry, später, mein Kleiner“, entschuldigte er sich.
Krümel hob misstrauisch eine Braue. Seine Piercings zuckten zwischen den feinen blonden Härchen.
„Dann bekommst du die kleinen Handgranaten doch gar nicht mehr auf“, entgegnete er, während er sich eine dampfende Marone zwischen die Lippen schob und sie mit halb offenem Mund, nach kalter Luft ringend, kaute.
Scheinbar hatte er sich mit der Hitze seiner kleinen Spezereien verschätzte. Mit einer Hand fächelte er sich Luft zu.
„Heiß, verdammt!“, keuchte er.
Philippe grinste. „So ging es mir auch oft, als ich klein war.“
Krümel verzog fröhlich die Lippen. „Dann hast du dir sicher mal so den Mund verbrannt, dass du die Dinger jetzt nicht mehr magst, oder?“, fragte er.
„Nicht ganz“, lächelte Philippe. „Damals habe ich mich schlicht an den Dingern übergessen.“
Krümel stopfte sich die Tüte in die Tasche seiner gefütterten Lederjacke und fischte eine Marone heraus, die er erst ein wenig in den Fingern knetete, bevor er die Schale aufbrach.
„Vermutlich haben die Verkäufer dir immer mehr gegeben“, mutmaßte er.
„Richtig“, entgegnete Philippe überrascht. „Woher …“
„Du siehst aus wie ein Engel, mit deinem ebenmäßig schönen Gesicht und den langen goldblonden Locken“, unterbrach Krümel ihn. „Damals als du noch ein Kind warst, wann immer das auch war, musst du ausgesehen haben, wie ein Weihnachtsengel.“
Spöttisch hob Philippe die Brauen. Weihnachtsengel …! Krümel war der einzige Punk mit Hang zu romantischem Kitsch.
„Deine Logik will ich auch mal haben“, grinste Philippe.
Krümel zuckte beleidigt mit den Schultern, bevor er sich die nächste Marone in den Mund schob und wesentlich vorsichtiger darauf herum kaute.
Nach einigen Sekunden antwortete er: „Wann war das eigentlich?“
„Was?“, fragte Philippe.
„Deine Kinderzeit“, erklärte Krümel neugierig, während er sich wieder bei Philippe einhakte und ihn in die Masse zurück drängte, die sich langsam zu dem Hauptportal des Rathauses schob.
Vor den Treppen stand eine Bühne. Zurzeit wechselte die Band. Ein Chor richtete sich gerade mit Notenständern ein und die begleitenden Orchestermusiker stimmten bereits ihre Instrumente, die durch die bittere Kälte ein wenig atonal klangen.
Philippe erinnerte es an den Tag vor einhundertzwölf Jahren. Er schauerte ein wenig. Damals spielte ebenfalls ein Orchester am Vorweihnachtsabend. Dasselbe Karussell drehte sich. Es roch nach Maronen und nasser Wolle; und in dieser Nacht entkam er seinem sicheren Ende nur mit knapper Not.
Seine Lippen zitterten. Er konnte Krümel auf seine Frage nicht antworten; nicht im Moment.
Die Kälte, die ihn ergriff, war das Entsetzen eines Knaben, der in einer damals fremden Stadt ein ungenanntes Opfer werden sollte und den Gedanken über mehr als hundert Jahre unter anderen schrecklichen Erlebnissen verdrängt hatte.
Nun kam das Grauen jener Nacht mit unglaublicher Gewalt zurück.
Jemand stieß unsanft gegen ihn und fluchte.
„Kannst du nicht weiter gehen, Wichser?!“, zischte ein junger Mann und trat Philippe mit Absicht massiv in die Fersen.
Er bemerkte es zwar, ignorierte das Gefühl dennoch. Körperlicher Schmerz konnte ihm wenig bis gar nichts anhaben.
Krümel zog ihn von dem Weg fort, in die Ruhe zwischen der Krippe und einen Schmuck- und Perlenstand, am Fuß der Rathaustreppe.
„Was hast du, Philippe?“, fragte er besorgt und tastete mit seinen krümeligen Maronenfingern über Philippes Wange.
„Ich war 1898 das erste Mal hier, heute vor einhundertzwölf Jahren“, antwortete er leise. Seine Kräfte schienen mit jedem Wort aus ihm heraus zu fließen.
„Ich weiß, dass du im neuzehnten Jahrhundert geboren wurdest“, antwortete Krümel. „Aber dass du schon einmal vor dem Jahr 1911 hier warst, wusste ich nicht.“
Seine Stimme zitterte vor neugieriger Erregung. Er liebte es, Geheimnisse und Erinnerungen seines unheimlichen Geliebten Stück um Stück aufzudecken. Normalerweise ließ Philippe das auch durchaus zu, weil er auf diesem Weg einige schöne Momente noch einmal erleben und genießen konnte. Doch diese Fetzen anderer Tage hielt er nicht vollkommen ohne Grund so tief in sich verborgen, dass er sich selbst nicht mehr zufällig daran erinnern konnte.
„Das ist nicht gut, Krümel. Die Erinnerungen daran sollten nie wieder geweckt werden.“
Die hellen Augen des Punks fixierte Philippes. „Wenn es etwas Schlimmes ist, sollte es umso mehr ausgesprochen werden, damit es dich los lässt“, sagte er mit Nachdruck.
Die Weisheit in den Worten des jungen Mannes konnte Philippe nicht von sich schieben.
Nachdenklich rieb er sich die Nasenwurzel …
Eine Bewegung in seinem Augenwinkel erregte seine Aufmerksamkeit. Unwillkürlich wendete er seinen Blick zu einem Kind, das zwischen Tannenbaum und der Rückwand der Krippe auf den Stufen stand und zu Philippe hinauf sah.
Es war ein kleines Mädchen in einem leuchtend roten Wollmantel. Ihre blonden Haare hingen in gelockten Strähnen auf ihren schmalen Schultern. Eine breite, weiße Schleife erschlug das zierliche Gesichtchen. Das Kind trug Kleidung, wie er sie aus der Zeit zwischen 1910 und 1940 von Kindern kannte. Ihre Füßchen steckten in klobigen Lederstiefeln und unter dem Mantel und dem Rüschensaum eines Kleides verschwanden dicke, hässlich graue Wollstrümpfchen. Aber nicht das allein zeichnete sie als Spuk der Vergangenheit aus. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und glühten wie Kohlestücke.
In der Sekunde drangen die Laute des Orchesters durch die dünnen Stoffplanen der Bühnenbespannung und erfüllte die Luft mit den Anfangsakkorden von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohrs „Stille Nacht“ die Luft.
Etwas in der Musik klang falsch. In den Tönen lag ein fremder, metallener Laut, als würde die Melodie aus einer anderen Zeit herüber wehen.
Mit dem Einsetzen des Chors kehrte auch die Verbildlichung der Vergangenheit zurück.
Philippe kniff fest die Lider zusammen. Er biss die Zähne fest aufeinander und wehrte die Attacke seiner eigenen Erinnerungen ab, die die Grenzen seiner Realität zu verwischen drohten.
Krümel fuhr plötzlich zusammen. Erschrocken öffnete Philippe die Augen. An der angespannten, entsetzten Mimik seines Freundes erkannte er, dass Krümel das Mädchen auch als Geschöpf des Totenreiches sah. Philippe ergriff ihn am Arm und wollte wieder mit Krümel in den Strom der lebendigen Menschenmassen eintauchen. Das Kind allerdings hüpfte die Treppenstufen hinab und rannten los; mitten durch Krümel und Philippe hindurch!
Für einen Moment fühlte es sich an, als erstarre seine Seele und gefröre in der Zeitlosigkeit der Toten! Philippe bemerkte, dass zwischen seinen Herzschlägen eine lange Zeit des Ausharrens lag. Am Rande dieser Erkenntnis bemerkte er das unheimliche, eisige Gefühl, belauert zu werden.
Während der Eishauch des Geisterkindes langsam verflog, blieb in Philippe Schwärze zurück, die böse Vorahnung sich dem zu stellen, das ihn schon einmal hetzte.
In dem Moment löste sich Krümel von ihm.
„Was ist?“, fragte Philippe alarmiert.
„Ich habe eben einen Jungen gesehen!“, rief Krümel aufgeregt. Während er sich weiter hinaus schob, deutete er zu einer Person, die ihnen den Rücken zugewandt hielt.
Philippe folgte ihm. Er konnte selbst noch für einen Herzschlag das hellblonde Lockenhaar und den altmodischen Mantel eines Jungen erkennen, der mit der Menge davon getragen wurde. Erst jetzt realisierte er, dass die Masse Mensch sich ein wenig ausgedünnt hatte. Sie schoben sich nicht mehr wie eine träge Schlange durch die Gassen. Ebenso veränderten sich die Leuchtreklamen der Stände, das aufdringlich lackierte Metall der Händlerwagen und die penetranten Gerüche wichen klarer Kälte und kleinen, gedrungener Buden aus Holz und Glas.
Der Schneefall verdichtete sich. Die Laute der Menschen verklangen in dumpfem Vergessen. Nur die Musik und der schleichende Wandel der Zeiten rückten in den Fokus Philippes. Er konnte sich nicht gegen den Sog der Vergangenheit wehren. Einzig Krümels Hand, die die seine umklammerte, sagte ihm, dass er nicht in das neunzehnte Jahrhundert fortgerissen wurde.
Die Wirklichkeit festigte sich erst wieder, als der Schneefall ein wenig nachließ. Philippe bemerkte sofort die Veränderungen. Die Sternschnuppen aus Draht und LED-Leuchten gab es nicht mehr. Zwischen den Laternen und Ständen spannten sich Bänder mit Tannenzweigen. Hinter den Scheiben den Buden brannten kleine Petroleum- oder Gaslämpchen und in den Auslagen fanden sich Holz- und Blechspielzeuge, Wollwaren, Tuche, Pelze, Geschirr und Glas.
Der Duft nach Tee und Wein lag würzig in der Luft und ein Händler mit Bauchladen bot Karamellen und Kräuterbonbons an.
Kinder umringten ihn. Er gab ihnen in kleinen Papiertüten abgepackte Süßigkeiten aus und sammelte dafür Münzen ein.
Es dauerte einige Sekunden, bis die Mädchen und Jungen zufrieden davon liefen.
Philippe folgte ihnen mit seinen Blicken. Sie waren so real und stofflich, während sie an den Händen von Erwachsenen gingen, die nichts als der Schatten einer lang vergangen Zeit waren. Philippe erkannte von einigen nur vage Umrisse, von anderen, die sich vielleicht etwas von ihrer kindhaften Natur bewahrt hatten, grobe, unscharfe Gesichtszüge. Sie alle trugen die Mode der wilhelminischen Epoche. Sein Herz zog sich zusammen, als er ein Paar an sich vorüberschreiten sah, dass nach französischer Mode gekleidet war. Er glaubte sogar das zimtene Parfum seiner Stiefmutter wahr zu nehmen und den herben Duft nach marokkanischem Tabak, den sein Vater einst so gerne rauchte, bis er starb.
„Was …“, begann Krümel und wendete sich Philippe zu. „Wir sind in der Vergangenheit!“
Philippe senkte die Lider und nickte.
Er musste nicht zu den viel lebendigeren Kindern sehen, um zu wissen, dass auch sie nur ein Hauch einer anderen Welt waren – dem Reich der Toten – die diesen Ort nie verlassen konnten.
„Das ist doch vollkommen unmöglich!“, flüsterte Krümel. In seiner Stimme schwang leise Panik mit.
„Ebenso unmöglich wie ich es bin; ein einhundertviertunzwanzig Jahre alter Mann“, erwiderte Philippe.
Krümel schwieg betroffen.
Behutsam legte Philippe seinen Arm um den jungen Mann und zog ihn an sich.
„Beruhige dich. Wir finden einen Weg zurück.“

Gemeinsam traten sie in den Strom der Schattenwesen hinaus. Die Laute des Marktes und der Gesang mischten sich wieder in ihre Welt. Selbst die Personen um sie herum nahmen an Stofflichkeit zu, ohne jedoch zu einem Teil der Realität zu werden, in der sich Philippe und Krümel befanden. Für andere waren sie unsichtbar. Die Leute umgingen sie, ohne sie wahr zu nehmen.
Dieser Winkel der Wirklichkeit schien – so definierte Philippe es zumindest für sich – zwischen den Zeiten zu schweben, zwischen einer und der anderen Sekunde. Vielleicht sahen die Menschen sie doch, aber nur als geisterhafte Schatten?
Er wagte es nicht, diesen Gedanken auszusprechen. Im Gegensatz zu seinen Worten wusste er nicht, wie er mit Krümel wieder zurück kehren konnte. Vielleicht kam ihm eine Idee, wenn er mit seinem jungen Freund eine Weile über den Markt ging, oder es ergab sich eine Lösung dergestalt, dass sich ihm sein damaliger Jäger offenbarte. Philippe erinnerte sich allerdings auch nicht mehr vollständig an alles. Bilder von Blut und Eisen mischten sich in die Musik, die ihren Weg an diesen Ort begleitete.
Wortlos schritt er mit Krümel im Arm voran. Der Punk zitterte und drängte sich enger an Philippe.
„Es ist unmenschlich kalt hier!“, flüsterte er. Seine Zähne klapperten bei den Worten aufeinander.
Philippe entging es nicht. Er glaubte fast, dass es an diesem Ort lag.
Schützend schlang er seinen Arm fester um Krümel und presste ihn an sich, was das Laufen erschwerte. Es erschien ihm auch als klüger. Krümel musste unter all den Erinnerungen an menschliches Leben wie ein gleißendes Leuchtfeuer strahlen. Vielleicht konnte er ihn mit seinem eigentümlichen Nichtleben überdecken und beschützen.
An dem seelenvollen jungen Mann lag ihm so unendlich viel. Er wollte ihn für immer bei sich behalten und ihn behüten. Krümel besaß die gleißend helle, unzerstörbare Fröhlichkeit eines Kindes, die Philippe vor so unendlich langen Jahren abhanden gekommen war. Allein dafür liebte er den jungen Mann mehr als er es ertragen konnte. Er musste dieses Geschöpf einfach bewahren und ihn für immer glücklich wissen!
Während sich Philippe in den Labyrinthen seiner Gefühle und Gedanken verirrte, schlich unaufhaltsam etwas Lauerndes am Rande sein Bewusstseins entlang. Er konnte es bislang ausblenden, doch langsam erwachte in seinem Nacken die Nervosität des Gehetzten. Schauer rannen über seine Wirbel. Er sah nervös über die Schulter, erkannte aber nur ein paar der Geisterkinder, unter denen sich auch das Mädchen mit dem roten Mantel aufhielt.
Krümel versteifte sich plötzlich in seinem Arm.
„Wir werden beobachtet!“, hauchte er.
„Ja“, entgegnete Philippe leise, während er zu Krümel blickte.
Er spannte sich und sah sich erneut um. Noch mehr Kinder huschten am Rande der Schatten zwischen den Marktbuden umher. Ihre Gesichter waren bleich und die tiefliegenden Augen glommen wie Höllenfeuer.
„Sie umzingeln uns“, flüsterte Krümel.
Philippe schluckte hart. Er erinnerte sich, dass es ihm damals auch nicht anders ging. Er spürte ihre Blicke in seinem Nacken und fühlte die eisige Luft, die wie Lava in seinen Lungen brannte, als er losstürmte, um ihnen zwischen den Ständen zu entkommen!
Bevor er die Fetzen seiner Erinnerung gänzlich abstreifen konnte, löste sich Krümel aus seinem Arm. Der Junge ergriff seine Hand und stürzte mit ihm los.
Philippe ließ sich einige Sekunden lang mit ziehen. Er erkannte viele der Ecken und Winkel wieder.
Ihm entging nicht, dass sich die Schatten vertiefen und dunkle Nebel aufstiegen, um sich an einigen Stellen zu etwas bizarr stofflichen zusammenzuballen.
Er war da! Philippe spürte die grausame Aura!
Plötzlich wuchs aus einer Nische zwischen den Buden ein Mann aus der Dunkelheit! Er war bis zu den Augen geschützt durch seinen schneenassen, schweren Kutschermantel und einen Schal, in dem Eiskristalle glitzerten. Weiße Haare wehten nebulös in dem kalten Wind, der durch die Gasse pfiff und Philippe kurz die Sicht nahm, als seine langen, offenen Locken in seine Augen trieben.
Einen Herzschlag später brach sich das fahle Licht einer Straßenlampe auf der geschliffenen Klinge eines Fleischermessers! Schwärze ging von der rostigen Klinge aus. Philippe konnte es nicht anders beschrieben. Diese Waffe sog das Licht und das Leben in sich auf.
Krümel gab einen krächzenden Schrei von sich, als er auf dem Schnee versuchte rechtzeitig zum stehen zu kommen.
Philippe schlug einen Haken und riss Krümel unsanft hinter sich her.
Am anderen Ende der Gasse versperrte der Karamellenhändler ihnen den Weg. Ihn umringten einige der Kinder. Ihre furchtbaren Höllenaugen bohrten sich in Philippes.
Er wich nicht aus oder blieb stehen. Krümel stieß einen hellen, fast unmenschlichen Schrei aus. Es klang wie ein Laut äußerster Angst.
Philippe dachte daran, wie das Geistermädchen durch sie hindurch geglitten war.
Umso mehr erstaunte es ihn, dass die Kinder plötzlich wie ein Wesen herum fuhren und davon stoben. Einzig der Händler blieb zurück. Aber auch er sprang zur Seite, als Philippe mit Krümel an ihm vorüber stürmte. Der Schwung trug sie auf den freien Platz vor dem Karussell, das im Schatten des Lyzeums und der Marktkirche stand. Nebulöse Gestalten wichen zurück und verwehten in der Nacht, nur um sich wenige Meter versetzt wieder zu geisterhafter Substanz zusammenzusetzen.
Aus dem Augenwinkel sah er einen blonden Jungen, der von den Kindern, die ihnen eben noch den Weg vertraten gehetzt wurde.
Mit einigem Schrecken wurde Philippe klar, dass die Kinder ihnen nicht auswichen, sondern ein leichteres Opfer gefunden hatten!
Spuren im Schnee_klDer Knabe verschwand aus seiner Sicht in den Schatten der majestätischen Marktkirche, verfolgt von winzigen, untoten Monstern.
Die Erinnerung traf Philippe mit unsagbarer Gewalt. Er strauchelte und fing sich gerade noch, bevor er stürzte.
Krümel prallte keuchend gegen ihn und klammerte sich an seiner Taille fest.
„Das war doch wieder …“, er rang  nach Atem, „der Junge, den ich … gesehen habe!“
Philippe sah über die Schulter in die Gasse zurück.
Er erwartete fast den Mann in seinem Kutschermantel zu sehen! Wie auch der Bonbon-Händler hatte sich dieses Wesen zurück gezogen und lauerte. Vielleicht war er sogar schon wieder dort, wo er die Kinder hinlockte, um sie zu töten!
Er sah zu Krümel, der ihn irritiert beobachtete.
„Siehst du den Jungen denn nicht?“, fragte er gereizt.
„Doch“, entgegnete Philippe nervös. „Begegnen sollte ich ihm nur nicht.“
„Warum?“, fragte Krümel, während er sich sichernd umsah.
„Der Junge bin ich.“

Philippe schloss kurz die Augen. Der Chor sang gerade: Macht die Tore weit. Er entsinnte sich, dass die Kinder ihn damals um die Kirche hetzten und ihn an dem Karussell in die Enge trieben.
‚Das Karussell! Der innere Korpus ließ sich öffnen!’, erinnerte er sich. ‚Darin schlachtete er die Kinder ab!’
Ohne länger darüber nachzudenken ergriff er die Hand des verwirrten Punks und zog ihn mit sich.

Zu vollkommen anderer Musik drehten sich die verwaisten Figuren, Schlitten und Wagen.
Das Kettenwerk klapperte atonal im Inneren des Karussells, während eine Dampforgel die stampfende Melodie einer Walze abspielte. Philippe schauderte bei den Lauten. Er sah sich genauer um.
Der Lack der Figuren blätterte langsam ab. Pockennarbig starrten die Köpfe der Pferde und Rehe zu ihnen. Im Licht- und Schattenspiel der Gaslampen gewann die Szenerie an dunklem, boshaftem Leben. Obwohl die Puppen nur aus bemaltem Holz bestanden, glaubte Philippe, leichte Bewegungen in den starren Körpern wahr zu nehmen. Er schauderte unter dem Anblick.
Krümel ergriff ihn am Arm.
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich höre die Kinder heranstürmen.“
Philippe verstand seine Warnung.
Er sprang die drei Stufen zu der unteren Ebene der Drehscheibe hinauf und hielt sich an einer Stütze des Baldachins fest. Das rotweiß lackierte Holz und das goldene Messing strahlten unmenschliche Kälte aus. Rasch griff er nach dem nächst stehenden Pferdekopf, nur um sich in die zweite Reihe aufgespießter Karusselltiere zu bewegen. Die Figuren hoben und senkten sich in fast lasziven Bewegungen. Eine gewisse Perversität ging davon aus. Aus dem Knarren und Ächzen des Holzes hörte Philippe das Stöhnen eines Lebewesens heraus. Eisige Kälte rann über seinen Rücken. Er betrat vorsichtig die innere Drehscheibe. Plötzlich begann sich das Karussell schneller zu drehen! Philippe zuckte zusammen und sah sich um. Die Geschwindigkeit nahm rasend zu. Ihm fiel es immer schwerer, sein Gleichgewicht zu halten.
Die Zentrifugalkraft trieb ihn im ersten Moment gegen eines der Pferde. Ihm wurde schwindelig, wie auch damals. Er musste sich fest halten. Für einen Moment schloss er die Lider und konzentrierte sich, bevor er sich erneut umsah. Die Welt außerhalb des Karussells drehte sich in rasender Geschwindigkeit. Bildfetzen schwammen vorbei, ohne dass er sie optisch ergreifen konnte. Vage entfernt glaubte er immer wieder Menschen in unterschiedlichen Trachten und Gewändern aus verschiedenen Epochen wahrzunehmen, konnte sich aber nicht sicher sein. In ihm sträubte sich alles gegen diesen unerträglichen Anblick. Er spürte, wie ihm schlecht wurde. Schließlich riss er sich davon los und sah sich nach Krümel um. Ihm war vollkommen entgangen, ob sein junger Geliebter ebenfalls den Sprung hier her wagte.
„Krümel?“, rief er.
Seine Antwort blieb aus.
„Krümel! DAVID!“
Philippes sonst ruhige Stimme steigerte sich. Er bemerkte den schrillen Unterton der Panik darin, konnte ihn aber nicht unterdrücken. Vielleicht stand er noch dort unten?! Philippe sammelte sich und unterdrückte die Angst, die in ihm zu einem erstickenden Monstrum anwuchs.
Er schritt unsicher zwischen den sich rasch auf und ab bewegenden Holztieren über die Plattform. Noch gab es die Möglichkeit, dass er an anderer Stelle aufgesprungen war. Trotz des rasenden Tempos der Drehscheibe gewann Philippe nach einigen Sekunden eine gewisse Sicherheit zwischen den Figuren. Sie bewegten sich in einem für ihn berechenbaren Takt. Mit dieser Sicherheit gelang es ihm, ein bisschen schneller auszuschreiten, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
Er umrundete die Ebene bis zu der Stiege, ohne jedoch auf Krümel zu treffen. Erneute Angst ergriff ihn.
Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Unstet irrte sein Blick über die Ebene, bis er an dem Kernstück, dem Maschinenraum der Karussells, hängen blieb.
Philippe erkannte in den bemalten Holzplatten deutlich die Fugen der Türe, die unter der Treppe zu der zweiten Etage verborgen lag. Konnte es sein, dass dieses Geschöpf, was hier lebte, Krümel in seinen Fängen hielt?
Der Gedanke erschütterte Philippe. Mit beiden Händen klammerte er sich an das Geländer der verzierten Leiterstiege. Sein Herz raste plötzlich vor unbezwingbarer Angst um seinen Freund! In seinem Hals ballte sich ein harter Klumpen zusammen, der ihn zu ersticken drohte.
Er spürte, wie aus seiner Angst Zorn erwuchs. Seine Fäuste ballten sich um das eisige Metall, das sich unter seinen Fingern zu deformieren begann, bis die Knöchel fahl hervor stachen. Seine Zähne mahlten aufeinander. Aus seinen schmalen Fingern wuchsen Klauen. Kraft kehrte in seinen Körper zurück.
Das rasende Tempo des Karussells konnte ihm nichts mehr anhaben. Im Gegenteil schien es ihm eher Schwung zu verleihen. Alles in seinem Leib spannte sich, um an dem Geländer vorbei durch die Türe zu brechen.
Stimmenfetzen hielten ihn zurück. Philippe fuhr herum und erkannte, dass die Plattform an Geschwindigkeit verlor. Die Welt zwischen den Sekunden wurde wieder klarer. Im Schnee erkannte er einen blonden Jungen, der sich nah an Krümel drängte. Das Bild verschwand so rasch, wie es kam. In der nächsten Umdrehung lag in Krümels Hand der schwere Kettengürtel, den er bislang um die Hüften trug. Er schwang ihn gegen die Kinder, die die beiden jungen Männer umringten.
Philippes kindliches Alterego wich zurück. Es schien ihm fast, als wisse der Junge nicht, wen er mehr fürchten solle; Krümel oder die Leichenkinder.
Die Drehung der Plattform riss das Bild von Philippe fort, bevor die Szene erneut in sein Sichtfeld rückte. Er bemerkte, dass sein jüngeres Selbst nach einer der rotweiß ziselierten Holzstützen auf der Etage griff und sich daran hoch zog. Krümel schlug im gleichen Augenblick einem der Kinder –dem Mädchen mit dem roten Mantel – die Ketten in das verzerrte Dämonengesicht. Philippe dachte nicht mehr daran, sich vor einer Begegnung mit dem Jungen, der er einst war, zu schützen. Viel mehr fuhr er nach vorne. Er umklammerte eine der Stützen und ergriff nach der nächsten Drehung Krümels Arm, um ihn zu sich zu ziehen. Keine Sekunde zu spät, wie er feststellen musste. Die Szenerie änderte sich. Im Schnee lag das blutende Kind, von Krümel niedergeschlagen, während seine Gefährten auf den jungen Mann eindrangen, vollkommen ungeachtet was er gerade mit einem der ihren getan hatte.
Krümel stieß einen spitzen Schrei aus, als er den Boden unter den Füßen verlor. Er wehrte sich blind gegen Philippe. Offenbar erkannte der Punk ihn im ersten Moment nicht.
„Ich bin es!“, rief Philippe.
Erst die Worte, vielleicht auch nur der Klang seiner Stimme, beruhigten den jungen Mann. Seine Gegenwehr ebbte ab und verschwand vollkommen, nachdem ihn Philippe in die Sicherheit der Plattform brachte.
Krümel fuhr in den Armen seines Geliebten herum und umschlang Philippe fest. Seine Wangen glühten vor Anstrengung. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Philippe hörte den rasenden Herzschlag des jungen Mannes. Krümels Atem ging stoßweise und kondensierte in weißen Dampfwolken vor seinen Lippen.
„Philippe!“, keuchte er. Der Laut erstickte sich in der festen, ängstlichen Umarmung, die Philippe erwiderte.
Viel Zeit blieb ihm nicht. Viel mehr drang ein mahlendes Geräusch aus dem Inneren des Karussells. Die Ketten klirrten innen gegeneinander und irgendetwas in der Mechanik setzte sich scheppernd wieder in Bewegung, während die Zentrifuge sich kreischend in Bewegung setzte.
Krümel krallte sich an Philippe fest.
„Wo ist der Junge?!“, hauchte er. Eisige Starre erfüllte seine Stimme.
Philippe wusste die Antwort, konnte es allerdings nicht aussprechen. Hinter ihm hörte er, wie sich die Türe des Maschinenraums öffnete.
Eilig drängte er Krümel die Stiege hinauf, um wenigstens ihn vor dem Kinderjäger zu bewahren, während er ihm rasch folgte.
Noch bevor er die obere Eben des Karussells erreichte, trat der weißhaarige Mann in seinem alten, zerschlissenen Kutschermantel aus dem Inneren des Karussells. Er hob kurz den Blick. Tief in den Höhlen liegende Augen, deren Iris fahl blau war, bohrten sich in die Philippes.
Der Schal, den er vor Mund und Nase gezogen hielt, glitt herab und gab das beinah gütige Antlitz eines hageren, alten Mannes frei. Er sah bedauernd zu Philippe. Sachte schüttelte er den Kopf. Sein Bart zuckte leicht, als sich seine Lippen bewegten. Durch den rasenden Fahrtwind rissen die Worte von seinen Lippen. Schließlich senkte er den Blick wieder und schleppte sich gebeugt aus der Türe. Mit vollkommener Sicherheit, die seine schwerfälligen Bewegungen Lügen straften, schlich er aus den Schatten hinaus auf die drehende Plattform. Philippe beobachtete ihn, bis er aus seinem Sichtfeld verschwand.
„Ich sehe ihn!“, rief Krümel, der sich an einer der Gondeln vorbei zur Balustrade geschoben hatte.
Philippe fuhr herum.
„Wen?!“, fragte er verwirrt.
„Den Jungen!“, entgegnete Krümel mit einem Blick über die Schulter.
Vor Philippes innerem Auge erschien die kleine Kutsche, in deren Ecke sich sein jüngeres Selbst kauerte. Er spürte sogar noch das brüchige, grüne Leder unter seinen Fingern.
„Warne ihn!“, entgegnete Philippe aus einem Impuls heraus.
Er wendete sich wieder ab. Sein jüngeres Selbst dürfte ihn nicht sehen. Jetzt musste er seinem Geliebten vertrauen.
„Hey, Kleiner!“, brüllte Krümel, während er sich über die Balustrade der ersten Etage neigte.
Philippe wusste, dass der Junge in dem Augenblick hinauf sah, direkt in das von der Anstrengung gerötete Gesicht Krümels. Er erinnerte sich daran!
„Lauf weg! Der Kerl mit dem Messer hat dich gleich!“
Er spürte den eisigen Schrecken und die aufwallende Panik, die die Glieder des Jungen kurzzeitig lähmten. Zugleich sah er durch seine Augen den freundlichen alten Mann, der den Preis für die Fahrt einforderte …
„Tritt ihm gegen den Arm!“, zischte Philippe. Er klammerte sich mit beiden Händen an dem Geländer fest.
„Tritt ihn!“, gab Krümel die Anweisung ungefiltert weiter.
Philippe musste dem Jungen helfen. Er spannte sich zum Sprung.
In dem Moment fühlte er den Impuls des Jungen, während er seine Beine an den Leib zog. Ein Gemisch aus Schrecken und Verwirrung durchflutete ihn. Es waren die Gefühle des Knaben aus der Vergangenheit. Während der Junge seine Füße nach vorne stieß, dem Mann entgegen, glaubte Philippe morsche Knochen zu hören, die unter seinem Stiefel nachgaben. Aus den Augen seines kindlichen Selbst sah er, wie der Alte gegen den Kern des Karussells taumelt. Im gleichen Augenblick federte er hoch. Im Gegensatz zu seinem Alterego krallte Philippe sich in das Geländer und wartete. Der Junge stürzte kopflos über die untere Plattform. Immer wieder wagte er sich an den Rand, die Stufen in die Wirklichkeit. Aber das irrsinnige Bildergewirr um ihn raubte ihm den Mut zu dem Sprung durch die Zeit. Vielleicht endete er unter den Leichenkindern, aber niemand konnte schlimmer sein, als dieses Geschöpf, das das schwarze Herz dieses Ortes war!
„Spring“, flüsterte Philipp. „Hab den Mut!“
Tatsächlich spürte er das aufmerksame Lauschen. Der Knabe nahm ihn wahr, wusste, dass ihn jemand führte und ihm Mut und Kraft gab. Erneut umklammerte er die Stütze des Baldachins, um nach unten zu spähen. Philippe spürte sein rasendes Herz. Alles in ihm verkrampfte sich durch die Angst des Jungen.
Er fühlte sich selbst gehetzt, erwartete in jeder Bewegung das Geschöpf zu sehen, was auf seine Seele lauerte. Starb der Knabe, würde auch er sich unweigerlich auflösen. Diese Gewissheit versuchte er seinem Alterego zu übermitteln.
Krümel blieb neben Philippe stehen. Er verfolgte genau den Weg des Jungen.
„Spring endlich ab, du Spinner!“, brüllte er panisch.
Der Knabe fuhr herum und sah einen Herzschlag lang hinauf.
Philippe wich zurück, bis sein Gesicht vollständig in den Schatten des farbigen Baldachins verschwand.
Dennoch spürte er das Entsetzen des Jungen, der für einen Herzschlag seine erwachsene Erscheinung erkannte!
Entsetzt schloss Philippe die Augen. Er wusste nicht, was passieren konnte, wenn er innerhalb eines Zeitparadoxons auf sich selbst traf. Grundsätzlich konnte es allerdings nur in einer Katastrophe enden. Das tiefe, erschütternde Mahlen aus dem Inneren des Karussells bestätigte seine Befürchtungen. Die gesamte Konstruktion bebte und bäumte sich auf, nur um zurückzusacken. Gondeln und Wagen brachen aus ihren Verankerungen. Die Stangen der Pferde und Rehe lösten sich. Einige brachen in sich zusammen, andere verkanteten sich zwischen erster Ebene und Baldachin. Funken stoben auf, als scharfkantiges Metall über den Innenrost kratzten.
Philippes jüngeres Selbst hatte sich zusammengekauert und krallte sich entsetzt in die Holzdielen der unteren Etage.
Plötzlich schob sich Krümel an Philippe vorüber und sprang die Stufen der Leitertreppe hinab.
Im gleichen Moment bäumte sich der Boden unter Philippe. Er konnte sich festklammern. Das Beben wollte nicht aufhören. Entsetzt spähte er hinab.
Sein Freund fing sich gerade rechtzeitig und klammerte sich an einer der Figuren fest. Ein weiterer Stoß riss ihn fast von den Füßen. In letzter Sekunde fing er sich wieder.
Der Schatten des Alten erhob sich drohend über dem jungen Punk, ohne dass er den Mann bemerkte. Der junge Philippe schrie eine Warnung, die Krümel nicht recht verstand. Schließlich federte der Junge nach vorne und riss Krümel mit sich.
Heftige Stöße durchfuhren das Konstrukt aus Holz und Eisen. Philippe hörte, wie einer der Träger splitterte und Metall riss.
Er konnte nicht länger warten. Was immer innerhalb dieses Zeitparadoxons passieren würde, er musste eingreifen!
Sein junges Selbst klammerte sich mit Krümel an das Geländer der Stiege, während das Karussell noch stärker unter ihren Füßen bebte. Der Schatten des Alten gewann an Stofflichkeit. Aus diffuser Substanzlosigkeit gerann ein vage menschliches Geschöpf, dessen Mantel und Schal in Nebelschwaden und Rauchfäden endeten. Er erhob seine Hände. In einer davon zuckte das Messer auf.
In der Sekunde sprang Philippe von oben herab. Er strauchelte und fing sich gerade noch rechtzeitig. Der Stich sollte sein jüngeres Selbst treffen, streifte aber ihn. Wolle zerriss über seinem Arm. Die Klinge fuhr über seine Haut und hinterließ einen dünnen, brennenden Schnitt.
Fast erwartete Philippe, die Wunde würde sich gleich wieder schließen, wie es ihm bei allen normalen Waffen erging. Allerdings trat das Gegenteil ein! Brüllender Schmerz ballte sich in seinen Muskeln und explodierte. Blut spritzte über Wand und Leiter.
Philippe blieb keine Zeit, sich darauf zu konzentrieren. Er schob die körperlichen Empfindungen weg.
Dicht hinter sich spürte er Krümel, der sich mit einer Hand an ihn klammerte.
„Lauft!“ schrie Philippe, während er sich nach der Waffenhand seines Gegners griff.
Krümel ließ ihn los. Gleichzeitig fuhr Philippes Hand durch den Alten hindurch, ohne auf Substanz zu stoßen. Doch die Waffe nahm sofort wieder Stofflichkeit an. Philippe sprang zurück, dennoch streifte ihn die Waffe über Brust und Bauch. Die rostige Klinge fuhr durch seine Kleider, als seien sie nicht da.
Gleißend explodierte der Schmerz auf seiner Haut.
Philippe wurde durch eine weitere Erschütterung nach hinten geschleudert, aus der Reichweite seines Gegners. Unsanft prallte er in eines der umgestürzten Karusselltiere. Angespitztes Holz stach in seinen Rücken. Zeit blieb ihm nicht, sich darüber Gedanken zu machen. Mit einem unmenschlich schnellen Satz folgte ihm sein Gegner nach.
Philippe federte auf die Füße und machte einen Satz zurück. Er umklammerte die Metallstange eines anderen Holztieres, das noch in seiner Position saß, mit der Linken. Das Rohr drehte sich leicht in der Aufhängung. Philippe nutzte es, um Schwung zu holen und seinem Gegner mit aller Gewalt den Fuß vor die Brust zu stoßen.
Als sein Stiefel den Alten traf, fand er Substanz. Das Geschöpf wurde hart zurückgetrieben und schlug in die Treppe zur oberen Etage ein. Mit unsäglicher Gewalt riss es die unteren Sprossen herab und begrub sie unter sich.
Philippe setzte ihm nach. Er spürte, wie ihn der Kampfrausch ergriff und mit Euphorie erfüllte. Wenn bislang die Karten ungerecht verteilt schienen, so konnte er sich sein eigenes monströses, unsterbliches Dasein zu Nutzen machen.
Fänge und Zähne verstärkten sich. Mit kaum menschlicher Geschwindigkeit stürzte er sich auf seinen Gegner. Die fahl blauen Augen des Alten weiteten sich erschrocken, als Phillippe ihm die Klauen in den Körper stieß. Plötzlich zog sich das Geschöpf zu einer nebulösen Erscheinung zusammen und verwehte.
Philippe schrie zornig auf.
Schwarzes Blut troff von seinen Händen auf das lackierte, bunte Holz. Sofort fuhr er hoch und sah sich um. Sein Gegner war verschwunden. Auch Krümel und sein jüngeres Selbst entdeckte er nicht mehr.
Am Rande nahm er wahr, wie das Beben unter seinen Füßen langsam nachließ und schließlich ganz aufhörte.
Waren Krümel und sein Alterego demnach fort und in Sicherheit? Die Verbindung zu dem Knaben konnte er nicht mehr aufbauen.
Langsam ließ er seinen Blick über die sich bewegenden Figuren gleiten. Das Paradoxon hatte ihnen übel zugesetzt. Zudem entdeckte er in Boden und Kernwand Risse, die zuvor nicht dagewesen waren.
Philippe sah nach draußen. Um ihn flirrte immer noch der Zeitstrudel. Das Knarren der Türe zu dem Inneren des Karussells erregte seine Aufmerksamkeit. Dunkle Spuren Blutes und herab gebrochene Stücke nebulös schleimiger Substanz führten unter den Ruinen der Treppe durch die Türe in das dunkle Innere.
Zu Philippe wehte plötzlich unerträglich süßer Gestank herüber, in den sich verschiedene andere Aromen mischten. Es war eine Mischung aus Blut, Verwesung, Säure, Öl und Metall. Krümels Duft mischte sich darunter, genau so wie der Hauch des Parfums, was sein Alterego trug.
Er schloss die Lider und witterte.
Die Quelle der Gerüche kamen aus dem Inneren des Karussells!
Philippe riss entsetzt die Augen auf.
Mit einem Sprung erreichte er die Türe und schob sich durch den niedrigen Eingang. Dunkelheit und klamme Hitze umfing ihn. Es fühlte sich an, als würde ihn etwas widerlich Lebendiges aufnehmen.
Trotz seiner guten Raubtieraugen blieb es ihm verwehrt mehr zu sehen, als ein normaler Mensch. Das Licht von Außen drang nicht besonders weit in den Maschinenkern. Vage konnte er erkennen, dass sich vor ihm ein gewaltiges Räder- und Kettenwerk um eine genarbte Kernstange bewegte. Die Hitze stieg von dem Metall aus. Der Geruch nach Öl stammte von der gefetteten Mechanik. Zähflüssig rann etwas an der Nabe herab. Philippe erkannte den Geruch sofort. Blut!
Übelkeit stieg in ihm auf. Er würgte kurz, presste dann aber die Hand gegen die Lippen. Schwächen konnte er sich nicht erlauben! Sein Blick glitt durch die Kammer. Eine schmale Wendeltreppe führte um den Kern hinab. Wie damals fragte sich Philippe, wohin dieser Schacht führte. Dieses Mal musste er ihn gehen, gleich was passieren würde. Die Angst um Krümel zog sein Herz zusammen.
Er trat den Weg nach unten an.

Das Maschinenwerk reichte schier unendlich in die Tiefe. Das Rasseln der Ketten, die sich unablässig wie ein Zahnriemen bewegten, begleitete ihn, bis er das Geräusch ausblendete. Die Stufen unter seinen Stiefeln bestanden aus Holz. Er wollte zu dem dick verkrusteten Belag darauf lieber keine Rückschlüsse ziehen. Dennoch musste er einige Male aufpassen, wohin er trat. Öfter glitt sein Fuß weg. Es gelang ihm immer nur im buchstäblich letzten Moment, sich an der Wand festzuhalten. Zur Mitte hin war die Konstruktion nicht gesichert. Ein Sturz in die Maschine, wäre auch Philippes sicherer Tod. Trotzdem eilte er weiter hinab.
Nach einer unmessbaren Zeitspanne verlangsamte Philippe seine Schritte ein wenig. Ein Anflug von Hoffnungslosigkeit ergriff ihn. Aber allein der Gedanke, dass Krümel etwas zustoßen konnte, vertrieb das Gefühl so schnell, wie es kam.
Noch immer nahm er den Duft seines Geliebten wahr, in den sich das Parfum mischte.
Rot flackernder Schatten zuckte über die Wände und erregte Philippes Aufmerksamkeit. Er versuchte seinen Schritt zu verlangsamen und stolperte die letzten Stufen hinab, bevor er sich wieder an der Wand abfangen konnte. Für einen Moment verharrte er, um das Licht einordnen zu können. Die Quelle lag irgendwo unter ihm, im Zentrum dieses verfluchten Ortes. Der Gestank nach Verwesung nahm stetig zu.
Ohne weiter zu zögern, setzte er mit weiten Sprüngen die Stufen hinab.
Von einem Moment zum Anderen endete die Treppe auf einer Plattform, die von dicken, rostigen Ketten getragen wurde. Sein eigener Schwung trug ihn um ein Haar über die Begrenzung hinaus. Verzweifelt klammerte er sich an die Trägerkonstruktion und zog sich zurück. Sein langes Haar fiel über Schultern und Oberkörper. Schmerzen schossen durch die verletzten Stellen an Arm und Brust. Zitternd und erschöpft strich er sein Haar zurück und orientierte sich flüchtig.
Diese Plattform war Teil einer Hängebrücken- und Leiterkonstruktion. Nirgendwo gab es ein Geländer. Lediglich hauchfeine Vorhänge, die an ausgedünnte Hautfetzen erinnerten, bewegten sich zwischen den einzelnen Ebenen.
Sein Auftritt konnte nicht unbemerkt geblieben sein. Die gesamte Konstruktion schwang unter ihm nach.
Philippes Blick richtete sich nach unten. In der Tiefe, gut fünf Meter unter ihm, flackerten Feuer aus dem Boden heraus. Hitze, die aus der Hölle zu kommen schien, versengte seine Haut. Der Boden erinnerte an Kopfsteinpflaster, dass in Schieferplatten über ging. Offenbar diente der Belag als Sickerbecken. An vielen Stellen hatte sich schwarz geronnenes Blut abgesetzt.
Erneut würgte er. Mit zusammengebissenen Zähnen verdrängte er die Vorstellung und spähte hinab. Philippe überlegte einen Moment, ob er den Sprung hinab überstehen konnte. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Unter seinen Füßen bewegte sich die Plattform sachte. Er fuhr herum. Aus den Schatten und Nebeln materialisierte das Monstrum. Sein Messer schimmerte in dem diffusen Vulkanlicht.
„Engelsgesicht“, flüsterte eine Stimme, deren Klang wie Glas und rostiger Stahl war.
Philippe biss die Zähne zusammen und ließ sich nach hinten fallen.

Der Aufprall zerschmetterte die Knochen seiner Füße und Unterschenkel. Dennoch setzte sich sein Körper umgehend wieder zusammen. Philippe ignorierte den Schmerz, so weit er konnte. Er richtete sich langsam auf und sah sich um. Sein Blick huschte herum und verfing sich an bizarren Skulpturen, die im ersten Moment wie skelettierte Engel und gehörnte Geschöpfe aussahen. Von ihnen ging der Säuregestank aus.
Viel Zeit blieb ihm nicht, sich umzusehen. Schwarzer Nebel sank von oben herab und hüllte ihn ein. Mit einem Sprung setzte er zurück. Einen Herzschlag später fuhr die Klinge an ihm vorüber.
„Du bist besser geworden, Engelsgesicht!“, brüllte der Alte mit überschnappender Stimme.
Philippe ließ sich zurückfallen und rollte über die Schulter ab, um sofort wieder auf die Füße zu Federn. Erneut riss der Schmerz an ihm. Der Geruch nach Krümel war hier so präsent! Allerdings konnte er seinen Gegner nicht aus den Augen lassen.
Der alte Mann materialisierte sich nur immer partiell. Philippe blieb nichts anderes übrig, als ihm auszuweichen, bis er eine Schwachstelle in seiner Deckung fand.
Immer wieder fuhr das Messer gegen ihn nieder. Jedes Mal wartete er bis zur letzten Sekunde, um zurückzufedern. Seine Fähigkeiten halfen ihm ungemein dabei. Tatsächlich erkannte er sogar ein Schema in den Hieben und Stichen. Vielleicht konnte er das gegen den Alten verwenden!
Jedes Mal, wenn er nach Links auswich, nahm das Monster mehr Stofflichkeit an! Schon einmal war es ihm gelungen, seine Deckung zu durchbrechen und ihn zu verletzen!
Dieses Mal visierte er das Herz seines Gegners an.
Er ließ den nächsten Stich durch. Die Klinge drang tief in seinen Bauch ein. Der Schmerz explodierte so heftig, dass ihm fast die Sinne schwanden. Aber die Angst verlieh ihm zusätzliche Kräfte. Mit einer Hand umklammerte der den Arm des Geschöpfes, zog ihn sogar noch näher an sich heran, während er mit der Anderen in seine Brust stieß. Er war wie von Sinnen vor Schmerzen. Seine Instinkte begannen seinen Verstand zu überrennen. Er spürte eine unerträgliche Gier nach Blut!
Ohne noch recht zu wissen, was er tat, schloss sich seine Hand um das Herz des Monsters. Er riss es mit der Leichtigkeit eines Vampirs aus dem Körper.
Schwindel überflutete seine Sinne. Taumelnd stolperte er zurück und hielt das noch immer schlagende Herz hoch. Blut rann über sein Handgelenk in den Ärmel seines Mantels. In seinem Mund sammelte sich Speichel. Die Lust nach der schwarzen Flüssigkeit wurde zu brennender Gier, die in seinen Eingeweiden tobte und seine Sinne umnebelte. Er wollte es trinken, das vergammelte alte Fleisch verschlingen …
„Philippe!“
Krümels panische Stimme zerriss den roten Schleier, der sich über seinen Geist gelegt hatte.
Er fuhr herum und wich zurück. Das Wesen lebte noch! Es materialisierte, flackerte und stürzte auf ihn mit erhobenem Messer zu. Philippe wich ihm aus. Der Alte stolperte und stürzte schwer zu Boden. Sein schwarzes Blut sickerte in die Ritzen der Steine.
Die Waffe fiel ihm aus den Fingern. Mühsam versuchte er, sich wieder aufzurichten, brach aber sofort in die Knie. Er starb, realisierte Philippe. Dennoch bäumte der Alte sich auf. Dieses Wesen konnte und wollte nicht aufgeben!
„Ich brauche dein Leben!“, keuchte er. „Gib mir dein unsterbliches Leben für meine Klinge! Sie muss mächtiger werden …“
Philippe betrachtete ihn. Alle Monstrosität wich aus dem alten, dürren Mann, dessen Leben schon viel zu lang andauerte.
Langsam trat er zu einem der Flammenlöcher.
„Nein“, entgegnete er erzwungen ruhig, während er das Herz los ließ. Der pochende Fleischklumpen fiel in das Feuer. Philippe sah zu, wie es langsam verschmorte. Noch immer schlug es. Was gab ihm diese Kraft? Waren es die Leben der Kinder, die alle keine Menschen waren, oder die Macht der Klinge, die erschaffen wurde, um unmenschliche Wesen zu vernichten?
Eine zischende grüne Stichflamme ließ ihn zurück fahren. Gleichzeitig wirbelte er herum und starrte das Wesen an. Es brannte von innen heraus in demselben giftig Licht. Kein Laut kam über seine Lippen, obgleich der Schmerz unerträglich sein musste.
Der alte Mann starb, daran gab es keinen Zweifel mehr.
Philippe sah sich um. Er suchte nach Krümel … und seinem Alterego. Nah der Skulpturen regte sich etwas. Der Punk straffte sich und nahm den Mantel des jungen Philippe von den Schultern.
„Wo ist …“, begann Philippe verwirrt.
„Ich habe mir seinen Mantel geschnappt, bevor ich ihn vorhin vom Karussell geschubst habe, um den Alten von dir wegzulocken“, erklärte Krümel. Er klang zwar zuversichtlich, aber seine Stimme brach. Philippe sah, wie sehr seine Knie bebten. Er konnte sich kaum aufrecht halten.
Mit wenigen Schritten eilte er zu dem jungen Mann hinüber und umarmte ihn fest. In dem Moment begannen all seine Wunden wieder höllisch zu brennen. Er ignorierte den Schmerz. Krümel war die einzige, wichtige Person für ihn. Er spürte, wie sich der Junge an ihn klammerte und plötzlich anfing zu schluchzen.
„Philippe, er sammelt die Leben und Seelen von solchen, die nicht menschlich sind!“, keuchte er erstickt.
„Hier sind so viele von ihnen … Hunderte … alle tot! Er hat sie ausgestellt! Er …“
Krümel brach ab und vergrub seinen Kopf an Philippes Brust. Das letzte bisschen Fassung bröckelte und hinterließ nichts als einen verzweifelten, zutiefst schockierten jungen Mann.
Behutsam nahm Philippe Krümels Gesicht in seine Hände und zwang den Jungen, ihn anzusehen. Die großen, hellen Augen sprachen von dem Grauen, was er gesehen haben musste. Seine Lider waren rot von den Tränen.
Wortlos neigte sich Philippe zu seinem Geliebten und küsste ihn. Er wollte wenigstens für einige wenige Sekunden vergessen, was um sie herum existierte.

Krümel keuchte in Philippes Kuss hinein. Erschrocken fuhr er auf und sah sich nach dem Monster um. Um sie herum begann sich diese Höhle aufzulösen, wurde fadenscheinig und kälter.
Ein eisiger Windstoß vertrieb das Bild vollständig. Sie standen auf dem leeren, stillen Weihnachtsmarkt, der wohl schon vor Stunden seine Tore geschlossen haben musste. Viele Buden waren bereits abgebaut worden und lagen auf Tiefladern aufgeschichtet, die über den Platz verteilt standen. Vor Hängern parkten Zugmaschinen und Transporter.
In die Stille drang das Getrampel und Geschrei kleiner Kinder. Lachen und Wortfetzen streiften ihn, bevor sie mit dem Neuschnee von kalten Windböen fortgetragen wurden.
Philippe sah zu Boden. Dort, wo das Nostalgie-Karussell stand, hatten unzählige kleine Füßchen, wie die von Kindern, den frischen Schnee aufgewühlt. Sie verloren sich bereits nach wenigen Schritten. Er schauderte. Nirgendwo brannte Licht hinter den Fenstern, keine Menschenseele schien unterwegs oder wach zu sein. Lediglich die Kirchturmuhr rückte auf die frühe, dritte Stunde vor.
Die heutige Nacht war bereits der frühe Morgen des 24.Dezember. Heilig Abend!
Philippe keuchte. Eine seltsame hoffnungsvolle Euphorie ergriff ihn. Er lachte auf. Krümel klammerte sich enger an ihn.
„Was ist?“ fragte er.
„Nichts, Krümel“, entgegnete er, nachdem er sich ein wenig gefangen hatte.
Verstört sah der Punk ihn an.
„Nichts“, erklärte er sanft, während er Krümel den Arm um die Schulter legte und ihn an sich zog. Mit einer Hand tastete er über den Stich in seinem Bauch. Es tat weh, begann aber zu heilen.
„Nur dass es das erste befreite Weihnachtsfest ist, was diese Stadt erleben wird.“

***

Unheimliche und düster romantische Weihnachten für euch 🙂

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Der Rebell


Gerade ist Glasseelen neu erschienen, bald wird es auch wieder den Folgeroman Der Rebell geben. HOMO Littera hat dem Buch (und der ganzen Reihe) ein neues Heim gegeben.

Worum geht es?
Am Ende von Glasseelen erhält Camilla eine Mail von Matthias Habicht, in der er schreibt, dass er grandiosen Mist gebaut hat … hier die Mail:

Hallo Camilla,

ich brauche deine Hilfe. Kennst du den Geschäftsmann Thomas Hoffmann? Wahrscheinlich nicht, oder? Ich würde dich bitten, dass du dich mit ihm oder zumindest mit seinem ältesten Sohn Oliver in Verbindung setzt. Es ist wahnsinnig wichtig. Du kannst damit vielleicht eine Katastrophe verhindern und Leben retten … vielleicht sogar meins.
Sag ihnen, dass am kommenden Wochenende etwas passieren wird, was unabsehbare Folgen hat. Bitte frag nicht, warum, ich werde es dir nicht erklären können, aber es geht um das Leben einer ganzen Familie.

Vielen Dank

Matthias

PS: Camilla, wenn du dachtest, Ancienne Colognes Auswirkungen auf uns alle wären groß gewesen, irrst du dich. Das, woran ich jetzt bin, betrifft auch dich, wenn auch nur am Rande. Bitte hilf mir, bevor ich einen unverzeihlichen Fehler begehe.

Und damit leute ich das zweite Buch ein.

Der Rebell – Klappentext
Olivers Welt bricht zusammen, als sein Vater wie von Sinnen über seine Mutter und seine Geschwister herfällt. Nur Christian und Michael überleben die Mordnacht unbeschadet. Oliver muss nach seinen schweren Verletzungen reanimiert werden. Danach ändert sich seine Realität. Er hat einen Blick hinter den „Spiegel“ geworfen. Obwohl er diese Welt gern ausschließen will, begleitet sie ihn.

Als auf Christian ein Anschlag verübt wird und Michael ihm beteuert, der Angreifer habe sich vor seinen Augen in Luft aufgelöst, und zeitgleich weitere Tote gefunden werden, will Oliver nicht mehr untätig abwarten. Zusammen mit seinem Freund, der jungen Kriminalkommissar Daniel Kuhn, taucht er in die Ermittlungen ein. Gemeinsam setzen sie die einzelnen Fragmente einer Vergangenheit zusammen, deren Auswirkungen die Katastrophen in der Gegenwart begründen.

Und hier bekommt ihr einen kleinen Vorgeschmack auf den 2. Roman:

Ihr hysterisches Lachen endete in ersticktem Röcheln. Die folgende Stille versetzte Oliver in abgrundtiefes Entsetzen. Nur das Geräusch von Metall, das Knochen zersplitterte, drang zu ihm. Das Monster zerfleischte sie. Der Anblick brannte sich in seinen Verstand. Er stöhnte. Seine Knie zitterten, zugleich fühlte sich sein Körper an, als würde Lava durch seine Adern strömen. Mit hämmerndem Herzen kauerte er sich tiefer unter die Anrichte und presste seine Fäuste auf die Ohren. Er biss auf seine Unterlippe und schmeckte Blut. Ihm wurde schwindelig. Mühsam zwang er sich zur Ruhe. Er musste fliehen, die Polizei rufen, doch er konnte sich nicht regen. Alles in ihm wehrte sich gegen den Anblick, die Geräusche und den Geruch. Oliver wagte nicht einmal, ins Wohnzimmer zu spähen. Aber er musste, jetzt sofort, bevor auch er starb.
Vorsichtig sah er über die Küchenplatte. Noch immer rammte dieser Wahnsinnige sein Messer in ihren Leib. Deutlich hörte er, wie die Spitze sich in den Boden bohrte. Der Körper seiner Mutter lag vor der Terrassentür. Ihr Blut tränkte den hellen Teppich. Sein Vater kauerte wie ein Nachtmahr über der Masse aus zerschnittenem Gewebe und zerhackten Knochen. Er hob sich deutlich gegen die hellen Gardinen ab. Schwarzgrauer Dunst kräuselte sich um ihn. Stammte der Rauch von der brennenden Zigarette seiner Mutter?
Oliver reckte sich vorsichtig. Die Schwaden waren zu dunkel. Täuschte er sich? Mit zitternden Fingern klammerte er sich an die Küchenplatte. Er würgte. Sein Vater, oder wer immer dieses Wesen sein mochte, hatte den Verstand verloren. Er war kein Mensch mehr. Als er die Wa?e hochriss, spritzte Blut auf Glas und Gardinen.
Olivers Mageninhalt schoss hoch. Er stieß ein unartikuliertes Geräusch aus und presste die Kiefer aufeinander. Zu spät. Würgend erbrach er sich.
Schwäche breitete sich in ihm auf. Er musste weg, doch seine Muskeln protestierten. Unsicher kroch er aus seinem Versteck, rappelte sich auf und eilte in den Flur hinaus. Flucht war die einzige Chance, wollte er überleben. Obwohl er keine Schuhe trug, kamen ihm seine Schritte viel zu laut vor. Sein Vater würde ihn hören, und er wäre tot, bevor er die Haustür erreichte.
Ein Wutschrei, vermischt mit entsetzlicher Verzweiflung drang aus dem Wohnzimmer. Einen Herzschlag später vernahm er den schweren Gang seines Vaters – er war nicht mehr er selbst, hörte ihm nicht mehr zu. Dem durchtrainierten, cholerischen Mann hatte Oliver auch nichts entgegenzusetzen. Nur Schnelligkeit konnte ihn jetzt retten.
Die Kisten und Ko?er seiner Mutter standen noch im Flur. Seine Flucht wurde zu einem einzigen Ausweichmanöver. Verflucht! Genauso gut hätte der Ausgang einen Kilometer entfernt sein können.
„Olli …“ Die weinerliche Stimme seiner kleinen Schwester drang aus dem ersten Stock.
Elli? Sein Herz verkrampfte sich. Er konnte nicht fortlaufen, solang seine kleinen Geschwister noch im Haus waren. In seiner sinnlosen Raserei kannte sein Vater weder Freund, noch Feind. Er würde vor den Zwillingen und Marc nicht Halt machen, ganz zu schweigen von Elli, die er hasste.
Oliver blickte nach vorne. Ihn trennten noch fünf oder sechs Schritte von der Haustür.
„Olli!“
In Ellis hysterischem Quietschen lag panische Angst, das Entsetzen, das auch er verspürte. Er musste seine Brüder und Elli in Sicherheit bringen. Abrupt änderte er seine Richtung und rutschte weg. Mit rudernden Armen kämpfte er um sein Gleichgewicht und stürzte auf ein Knie. Schmerz zuckte durch sein Bein.
»Chris, Micha …«, keuchte er und sah sich um.
Über den Wohnzimmerteppich huschten bizarre Schatten, schwere Schritte näherten sich. Olivers Herz raste. Hass und Verzweiflung vereinten sich im Gebrüll seines Vaters. Die Stimme klang fremd. Begri? sein Vater, was er getan hatte?
Sicher nicht. Dieses Tier hatte keine Gefühle.
Oliver schauderte. Er versuchte, auf die Füße zu kommen, aber sein verletztes Knie gab unter der Belastung seines Körpers nach. Ein scharfer Stich trieb ihm Tränen in die Augen. Ärgerlich biss er die Zähne zusammen. Beim Boxen hatte er mehr weggesteckt.
Sein Atem stockte. Wie ein gestaltgewordener Albtraum stand Vater im Türrahmen des Wohnzimmers. Die weißen Manschetten an seinem Hemd waren rot. Von seinen Händen troff Blut auf den Boden. Als er die Hand hob, umwehten ihn Rauchschleier.
Plötzlich zuckte der Kopf seines Vaters hoch. Oliver fuhr zusammen und wich zurück. Trocken schluckte er, aber in seiner Kehle saß ein Kloß. Instinktiv drängte er sich in den Schatten zwischen Garderobe und Treppe. Aus phosphoreszierenden Augen starrte Vater in den Flur. Im nächsten Moment verengte er sie zu Schlitzen. Eisiger Schrecken breitete sich in Oliver aus. Hatte das Monster ihn entdeckt? Mit einer geschmeidigen Geste, strich Vater sich durch Bart und Haar. Tränen spülten helle Spuren in den schmierig roten Film auf seiner Wange und verliehen ihm einen maskenhaften Ausdruck. In der Rechten hielt Vater das lange Jagdmesser. Rauch kroch an seinem Arm herab und umwaberte die Klinge. Er schmetterte die Glastür gegen die Wand, tausend Splitter fegten über die Fliesen.
„Vater …“ Oliver wich zur Treppe zurück.
Einen grotesken Moment entspannte sich die maskenhafte Mimik seines Vaters, die entstellten Züge erschla?ten. Es hatte den Anschein, als würde er den Gri? um die Wa?e lockern. Regte sich doch ein Hauch Menschlichkeit in ihm?
„Olli!“, hallte es wieder von oben.
Elli, schweig!, schrie er in Gedanken.
Das Gesicht seines Vaters verzerrte sich erneut. In seinem Blick glomm Erkennen, als hätte er begri?en, was der eigentliche Grund seiner verzehrenden Wut war: Elli!
„Lauf, Elli!“, rief Oliver.
Splitter knirschten unter den Sohlen seines Vaters. Er spürte seine Nerven bis in die Fingerspitzen elektrisieren. Entsetzt fuhr er herum. Abermals explodierte betäubender Schmerz in seinem Knie. Er humpelte, so schnell er konnte, die Stufen hinauf. Die Holzkonstruktion bebte unter ihm.
„Micha, Chris, bringt Elli und Marc raus!“
Geländer und Treppe zitterten.
Vater!
Oliver nahm sich nicht die Zeit, zurückzusehen. »Raus hier!«
Er hörte Ellis hysterisches Weinen. Von den Zwillingen vernahm er keinen Laut. Tränen der Verzweiflung rannen über sein Gesicht. Sein Vater holte ihn unweigerlich ein, und seine Geschwister verließen sich blind auf ihn. Mit beiden Händen zog er sich am Geländer hoch. Die Luft brannte in seinem ausgetrockneten Hals, sengte durch seine Lungen. In einer Seite erwachte stechender Schmerz. Hinter sich hörte er keuchende Atemzüge. Gleich hatte Vater ihn eingeholt.
Oliver versuchte zu rennen, aber sein Bein protestierte. Er presste die Zähne aufeinander und versuchte, es zu ignorieren, da sein Vorsprung schmolz. Das Monster war direkt hinter ihm.
Etwas Kaltes fuhr ihm über Schulter und Rücken. Er hetzte über die letzte Stufe, glitt aus und fiel.
„Scheiße.“
Er rollte zur Seite. Sein Vater war über ihm. Der Dolch kratzte unkontrolliert über das Holz und zog eine tiefe Furche in den Lack. Ohne nachzudenken, riss Oliver seinen Ellbogen hoch, und das Messer polterte ein paar Stufen hinab. Ein brutaler Hieb traf ihn unter dem Auge, sein Kopf schlug hart auf den Boden. Im letzten Augenblick konnte er sich dem Gri? seines Vaters entwinden, rutschte dadurch aber über den Treppenabsatz, dessen Kante sich in seine Wirbel bohrte. Eine Faust traf ihn gegen die Brust und trieb ihm alle Luft aus den Lungen. Lichtblitze zuckten hinter seinen Lidern. Er erwartete die nächsten Schläge, die ihm sämtliche Knochen brechen würden. Doch sie blieben aus.
Die Treppe bebte erneut.
Oliver stemmte sich hoch. Ein paar Stufen unter ihm lauerte sein Vater, sprungbereit, das Messer wieder in der Hand. Ein unmenschliches Grollen drang aus seiner Kehle.
Oliver wollte zurückweichen, aber sein Körper versagte. Das Monster würde von unten zustoßen und ihn vom Bauch bis zur Kehle aufschlitzen. Vater duckte sich bereits wie ein Panther vor dem todbringenden Sprung.
Weg!
Nein, er musste sich wehren, ihn die Stufen hinabstoßen.
Jetzt oder nie.
Oliver klammerte sich an das Geländer und zog die Beine an. In diesem Moment stürzte sich sein Vater auf ihn. Er trat mit aller Kraft zu. Sein Vater stolperte rückwärts, kämpfte um sein Gleichgewicht und stürzte die Treppe hinunter.
Oliver rutschte in den Gang zurück, stemmte sich auf die Füße und lehnte sich zitternd an die Wand. Außer Gefahr waren seine Geschwister und er noch lange nicht. Die Konstitution seines Vaters überstieg seine bei Weitem. Was würde passieren, wenn dieser Irre hier oben ankam? Er wollte sich davon keine Vorstellung machen.
Unter den wuchtigen Tritten seines Vaters bebte die Holz-Stahl-Konstruktion.
Oliver blickte nach unten und fuhr zusammen.
Sein Vater stürmte herauf, die Klinge stoßbereit. In seinen Augen lag nicht das geringste Erkennen.
Olivers Herz zog sich zusammen. Leben oder sterben? Die Antwort stand außer Frage. Er würde nicht kampflos aufgeben.
In direktem Stoß zuckte die Klinge in seine Richtung.
So nicht!
Bei der heftigen Attacke bot ihm sein Vater eine o?ene Angri?sfläche. Oliver stützte sich am Geländer ab, nahm Schwung und rammte ihm erneut beide Füße vor die Brust. Betäubender Schmerz schoss durch Beine und Rücken. Wieder polterte es, als der Irre die Stufen hinabtaumelte. Oliver wurde schwarz vor Augen. Hinter seinen Lidern flimmerte grauer Nebel, der sich kaum wegblinzeln ließ.
Dafür hatte er keine Zeit.
Gott, wenn es dich gibt, hilf uns, bat Oliver stumm.
Angestrengt kniff er die Lider zusammen und zwang seine Erschöpfung zurück. Ihm blieb keine Zeit sich vollständig zu fangen. Als er die Augen öffnete, gewann die Wirklichkeit wieder Konturen. Das Messer hatte eine dunkle Spur kleiner Spritzer auf den Stufen hinterlassen und lag auf weiter unten. Eine Bewegung lenkte Olivers Aufmerksamkeit um. In den Schatten wogten Nebel auf, als sein Vater schwerfällig auf die Füße kam. In seinen Augen funkelte pure Mordlust. Wie Jack Nicholson …
Oliver schluckte trocken und wich einen Schritt zurück, sodass er gegen die Wand stieß.
Der Abstand zu seinem Vater hatte sich erheblich vergrößert, außer Gefahr waren sie dennoch nicht. Er vergeudete wertvolle Zeit!
Hektisch wirbelte Oliver herum und wich in den Flur. Die Kinderzimmertür flog auf und einer der Zwillinge sprang ihm in den Weg.
„Olli?“
Entsetzt zuckte er zurück, bevor er seinen Bruder umrannte. Michael prallte vor ihm zurück und blieb vor Marc und Ellis Tür stehen. Er weinte stumm. In seinen Fingern hielt er einen Schirm, den er als improvisierte Wa?e schwang. Panische Angst flackerte in seinen hellen Augen. Trotzdem sah er Oliver entschlossen entgegen. Unsanft schubste Oliver ihn in sein Zimmer zurück. Gegen das Licht der Straßenbeleuchtung erkannte er die Silhouette Christians, der sich mit einem kleinen Holzhammer bewa?net hatte. Instinktiv sprang er Michael und Oliver an und schlug zu. Es tat nicht weh, trotzdem zuckte Oliver. Aus der Abwehrbewegung stieß Oliver seinem Bruder die Hand vor die Brust. Christian prallte zurück.
„Raus hier!“, brüllte Oliver mit überschnappender Stimme.
Mit Tränen in den Augen und schmerzverzerrtem Gesicht wimmerte Christian. „Olli, was ist los?“
Auf der Treppe hörte er bereits seinen Vater. Unwirsch wies Oliver mit dem Kopf auf das Fenster.
„Klettert auf die Garage! Ich hole Marc und Elli.“
Christians Augen weiteten sich. „Aber …“
Hinter ihnen polterte es im Treppenhaus. Panik rann glühend durch Olivers Adern.
„Flieh mit Micha! Ruft die Polizei!“
Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er die Tür des Zimmers hinter sich zu und stürzte in den Nebenraum. Elli kam ihm weinend entgegengelaufen. Sie klammerte sich an ihn. Unsanft befreite er sich und warf hinter sich die Tür ins Schloss. Aus dem Zimmer der Zwillinge hörte er, wie das Fenster geö?net wurde. Schritte im Kies auf der Garage folgten. Einen Augenblick später gellte ein Schmerzensschrei aus dem Garten. Michael begann zu weinen, Christian rief ihm zu und sprang selbst. Als sich die Stimmen der beiden entfernten, atmete Oliver auf. Nun musste er nur noch Marc und Elli nach draußen bringen. Doch bevor er den Gedanken in die Tat umsetzen konnte, prallte sein Vater bereits wieder gegen die Tür. Das Schloss hielt dem ersten Ansturm stand. Ein weiteres Mal würde seinem Vater dieser Fehler aber nicht unterlaufen.
Oliver stemmte sich gegen das Türblatt, und tastete nach dem Schlüssel. Er fehlte. Verdammt …
Hitze und Kälte rannen durch seine Adern. Sein Vater drückte die Klinke hinunter. Wenn er sich dagegenstemmte, waren sie geliefert. So viel Kraft hatte Oliver nicht.
„Nimm Marc und versteck dich!“, hauchte er.
Elli schüttelte vehement den Kopf. Sie krallte sich in seine Hose und rieb ihr fiebriges, feuchtes Gesicht an seinem Bein. Tränen rannen über ihre Wangen. Mit beiden Händen umklammerte sie seinen Oberschenkel.
„Elli, weg!“ Oliver versuchte, sich von ihr zu befreien. Ihm blieb nicht die Zeit, etwas zu unternehmen. Sein Vater warf sich erneut gegen die Tür. Holz splitterte.
Ich bin tot, wir alle sind tot!, schoss es Oliver durch den Kopf.
Die Wucht katapultierte ihn durch den halben Raum. Er riss seine kleine Schwester von den Füßen und begrub sie unter sich. Elli schrie vor Schmerzen und Angst auf. Erschrocken rollte er sich herum und drückte sie von sich aus der Reichweite seines Vaters.
Der Anblick des blutigen Riesen raubte ihm allen Mut. Wie gelähmt starrte er seinen Vater an.
„Nicht! Marc und Elli sind Kinder, du darfst sie nicht töten!“
Doch sein Vater war mit einem Sprung bei ihm. Hart gri? er in Olivers lange Locken und verkrallte sich darin.
„Nicht …“
Stechender Schmerz zuckte durch Olivers Kopfhaut in seinen Nacken. Brutal riss sein Vater ihn herum und stieß ihn gegen Marcs Bettchen.
Nichts geschah. Kein Geschrei von Marc.
Oliver verlor den Gedanken, als er zu Boden fiel. Ihm wurde schwindelig und schlecht. Ein Faustschlag traf ihn zwischen den Schulterblättern. Er hörte seine Knochen brechen, während alle Luft aus seinen Lungen getrieben wurde.
Durch die wirbelnden Nebel seiner Erschöpfung nahm er nur noch wenig wahr. Alle Empfindungen sanken zu einem betäubenden Nichts herab. Elli zerrte an ihm. Das Gefühl versickerte. Heiser weinte sie, schniefte, verstummte …
Warum schrie Marc nicht? Der Gedanke hinterließ eine glühende Spur, die ihn elektrisierte. Trotzdem reichte der Schrecken nicht, dass er sich hochstemmen konnte.
Kleine, heiße Kinderhände suchten nach Halt. Oliver zog Elli eng an sich und krümmte sich zusammen. Sie wagte nicht mehr, irgendeinen Laut zu verursachen. Das bebende heiße Bündel Mensch in seinen Armen war voller Leben und Angst.
Noch.
In der Sekunde drang die Klinge in sein gebrochenes Schulterblatt. Der Schock benebelte seinen Schmerz, nur, um einen Herzschlag später doppelt so stark zu explodieren. Oliver schrie. Es klang fremd in seinen Ohren. Ellis dünnes Weinen setzte ein, mischte sich in seine Stimme. Keuchend vergrub er das Gesicht in ihrem Haar, vor seinen Augen tanzten Blitze, etwas rauschte. War das sein eigenes Blut in den Ohren? Das Geräusch war so laut, dass es Elli übertönte und ihn in einen grauen Strudel aus Erinnerungslosigkeit zu reißen drohte.
Elli, kleine Elli …
Sein Vater zerrte ihn an den Haaren hoch. Der Schrei seiner Schwester drang tief in sein Herz. Oliver klammerte sich an sie.
Wieder erinnerte er sich an Marc. Sein jüngster Bruder lag vollkommen ungeschützt in seinem Bett. Er wäre ein leichtes Opfer.
Blindlings tastete Oliver tastete nach ihm. Seine Finger umklammerten das Holzgitter und berührten Marcs winzige Füße. Der Kleine war ihm so nah, zugleich aber unendlich weit entfernt. Er erschrak über die Bewegungslosigkeit seines Bruders. Warum schrie Marc nicht? Warum strampelte er nicht?
Tot …
Oliver konnte den Gedanken nicht festhalten. Instinkte verdrängten den Verstand.
Fort.
In einem letzten Aufbäumen warf er sich nach vorne. Er spürte, wie ihm sein Vater dadurch die Haare büschelweise ausriss. Dumpf und fern fühlte sich der Schmerz an – fremd. Er fiel hart zu Boden, wobei er den weichen Körper Ellis unter sich begrub. Seine Schwester keuchte atemlos und weinte nun ungehemmt. Er hörte schwach ihren rasselnden Atem.
Mit ihren kleinen Ärmchen kämpfte sie gegen sein erdrückendes Gewicht an. Mühsam zog er die Beine an den Leib. Es kostete ihn unendlich viel Kraft, aber sie bekam dadurch etwas mehr Freiraum.
Das Messer traf ihn wieder, aber nicht tief. Sein Vater zog es aus seinem Körper. Eine Woge betäubender Erleichterung raste durch seinen Verstand, nur um erneut in Agonie zu explodieren, als die Klinge wieder in ihn eindrang, wieder und immer wieder.
Oliver glaubte, die Schmerzwellen zu fühlen, die durch seine Nerven bis in seine Fingerspitzen schossen. Seine Welt versank in blutigen Schleiern und panischer Angst, während er Elli unter sich barg. All seine Empfindungen stumpften ab. Der letzte Gedanke galt seinem Vater: Warum?

Gefallen? Mehr gibt es im Winter 2017 / 2018.

 

Letzter Tag für die Gewinnteilnahme


Am 24.11. endete die Blogtour zu „Glasseelen“, aber um sich für die Gewinnteilnahme zu qualifizieren, habt ihr heute noch den ganzen Tag. Über die Seite von der Netzagentur Bookmark kommt ihr an den Blog-Verteiler. Dort gibt es zu jedem Beitrag eine Frage. Wenn ihr darauf antwortet, habt ihr die Möglichkeit an der Verlosung teilzunehmen.

Bist-du-bereit-für-Glasseelen-

Die teilnehmenden Blogs haben interessante Themen herausgegriffen:

Manjas Buchregal – 20.11. Vorstellung und Rezension zu „Glasseelen“
Was sich hierunter verbirgt, steht wahrscheinlich außer Frage 😉

Claudis Gedankenwelt – 21.11. Wie erkennt man einen Serienkiller?
Dieser Artikel greift nicht nur ein paar besondere Beispiele von Serienkillern auf, sondern beleuchtet auch einen Ausschnitt der besonderer Merkmale, die einen Serienmörder grundlegend auszeichnen.

Sunnys Lesewelt – 22.11. Interview mit Tanja Meurer
Auch dieser Artikel ist selbsterklärend, aber hier konnte ich mal wieder ein wenig Selbstdarsteller spielen, und es hat Spaß gemacht 🙂

Nadines Bücherwelt – 23.11. E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“
Das Nachtstück „Der Sandmann“ lag dem Buch „Glasseelen“ in erster Linie zu Grunde, E.T.A. Hoffmann allein, war der Grund, warum ich so und in dieser Form geschrieben habe. Nadine führt hier in die Novelle um den Sandmann ein.

Vampirwaschbärs Wahnsinn – 24.11. Berlin als Buchkulisse
Die Besonderheit an diesem Artikel ist, dass Meike sich die Mühe gemacht hat, tatsächlich alle real existenten Locations abzulaufen und zu fotografieren. Sie hätte sogar die Gänge unter der Charité besuchen können, wenn die das dafür verantwortliche Büro offen gehabt hätte.

Gewinne:
Platz 1: Glasseelen, Seelenlosen und Schweiß und Blut
Platz 2: Glasseelen und Seelenlosen
Platz 3: Glasseelen
Alle Gewinne werden mit Goodies verschickt (u.a. mit selbstgemachtem, steampunkigem Metall Lesezeichen)

Ganz persönlich und privat
Über die Blogtour habe ich die meisten Bloggerinnen kennen lernen dürfen. Manja kannte ich schon vorher – durch Bookshouse – und habe sie immer unheimlich gemocht. In der vergangenen Woche habe ich auch die Möglichkeit gehabt, Claudia (deren Artikel ja zu 100% mein Hobby Kriminalistik / Kriminalhistorik bedient hat), Susann (mit ihrem lieben Interview und ihrer so herzlichen Art) und Meike (die als Berlinerin nicht nur ein sehr gutes Gesamtbild zu dem Roman geschaffen hat, sondern persönlich auch ein genauso großer Filmfan ist wie ich) kennen zu lernen. Durch das Quatschen über Facebook, per Mail und im Chat sind mir diese drei ziemlich an Herz gewachsen.

Darüber hinaus …
gibt es nun das eBook, leider noch in der fehlerhaften Version. Dank meiner ehemaligen Kollegin Nathalie und Meike, habe ich nun ein ziemlich sauberes Manuskript. Ich muss nur noch die Zeit finden, zusammen mit meiner Frau Juliane alles in der ODT-Datei für das eBook geradezubiegen und für ein Update fertigzumachen 😉

Glasseelen – Leserunde


In der letzten Zeit habe ich mich – freundlich ausgedrückt – rar gemacht … sorry. Nun bin ich aber wieder zurück.
Glasseelen, mein Mystery-Triller, der ursprünglich 2013 bei Bookshouse erschienen ist, kam pünktlich zum 01.10.2017 neu, überarbeitet und vor allem im neuen Gewand bei Edition Roter Drache neu heraus.

9783946425311

Wahrscheinlich erinnert ihr euch noch an das alte Cover. Passend zur Überarbeitung passt das neue enfach besser.
Etliche Dinge, die mich in der ursprünglichen Version gestört haben, sind nun nicht mehr im Buch. Besonders um Theresa habe ich einiges abgeändert. Sie ist keine Last mehr, aktiver, einfach realer, sodass es mir richtiggehend leid tat sie … na, ihr wisst schon. Aber Camilla hat auch eine Wandlung hinter sich. Sie hängt definitiv nicht mehr am Rockzipfel ihrer Familie. Andererseits … Auto fahren kann sie auch hier noch nicht 😉
Wer möchte, kann sich gerne an der Leserunde auf LovelyBooks beteiligen. Derzeit gibt es 10 Bücher zu gewinnen (eBooks und Print-Ausgaben).
Und wer mich kennt weiß, dass es bei allen Büchern eine Besonderheit gibt: Sie sind mit Illustrationen versehen.

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Nur mal als kleiner Anreiz 😉
Hier wieder der übliche Klappentext und ein kleiner Ausschnitt, die Leseprobe aus dem ersten Kapitel:

***

Vor Camilla und Theresa stürzt sich ein Mann vom Dach des Pergamonmuseums zu Tode. Seine Augen lösen sich in Staub auf, und aus seiner Hand rollen blutige Augäpfel sowie ein antikes Fernrohr. War es Selbstmord?

Theresa schwört, dass sie kurz zuvor auf dem Dach einen ungeheuren, missgestalteten Mann wahrgenommen hatte, der den vermeintlichen Selbstmörder gestoßen hat. Dabei gibt es eine unheimliche Parallele zwischen dem vermeintlichen Selbstmörder und den Opfern eines Serienkillers, der in Berlin sein Unwesen treibt: herausgeschnittene Augen.

Obwohl sich Camilla und Theresa unter der Betreuung der Polizei in Sicherheit wähnen, nimmt der Serienkiller sie ins Visier, und wenig später verschwindet Theresa spurlos. Ist sie geflohen, weil sie sich von Andreas Grimm, dem ermittelnden Oberkommissar, bedrängt fühlte, oder wurde sie Opfer des Serienmörders? Camilla versucht, ihre Freundin auf eigene Faust zu finden und dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Mit dem Namen „Sandmann“ bekommt sie einen entscheidenden Hinweis, doch der Killer ist nicht leicht zu überlisten. Von Panik getrieben, gerät Camilla in die Unterwelt der Hauptstadt und stößt dort auf rätselhafte Menschen.

Tief unter der Stadt wird währendessen wieder die ausgeweidete, augenlose Leiche einer Frau entdeckt – Theresa.

***

Als sein Schädel auf dem Boden aufschlug und ein Rinnsal hellen Blutes um die Spitze ihres Turnschuhs lief, hörte die Welt für einen Moment auf zu atmen. Camilla starrte auf den Mann, der sich vor ihren Füßen zu Tode gestürzt hatte. Sein aufgedunsenes Gesicht verfärbte sich langsam blauviolett. Äderchen traten an Stirn und Schläfen hervor. Über seine halb offenen Lippen quollen Blut und Speichel, seine gebrochenen Glieder standen grotesk ab. Knochen stachen durch den Stoff von Jeans und T-Shirt.
Camilla hätte nie gedacht, dass jemand so wenig blutete, wenn er von einem Dach sprang. Sie betrachtete den Toten aus einer eigenartig fernen Perspektive. Als läge er nicht zerschmettert zu ihren Füßen, sondern als liefe ein Film vor ihr ab. Vielleicht lag es an der Stille, an diesem Fehlen jedweden Lautes.
Die Hände in den Taschen ihrer Jacke vergraben, die Finger um irgendetwas verkrampft, beobachtete sie, wie sein Blut unter ihre Schuhe rann und den Saum ihrer Cordhose durchtränkte. Erst nach einer Weile trat sie einen Schritt zur Seite. Trotzdem konnte sie den Blick nicht von dem Mann wenden. Seine toten Augen schienen in den wolkenlosen Sommerhimmel zu starren. In der intensive blauen Iris glitzerten Sonnenstrahlen. Etwas rollte aus den Fingern seiner linken Hand. Camilla fuhr zusammen. Eisige Kälte kroch ihre Wirbelsäule herauf und legte sich erstickend um ihr Herz.
Zwei blutige Kugeln, an denen feine, feuchte Nervenstränge hingen, blieben unweit der verdrehten Schulter neben seinem Gesicht liegen. Unter den klebrig roten Schlieren und dem Straßenschmutz stachen hellblaue Iris hervor.
Eine Woge Grauen überflutete Camilla und drohte, ihren Verstand mit sich zu reißen. Sie biss sich auf die Unterlippe und den Piercingring. Der kurze, stechende Schmerz half, die aufkommende Panik zu dämpfen.
Sie schluckte einen Kloß im Hals hinunter, dennoch blieb die Angst. Ihr Magen rebellierte, ihre Knie waren kaum noch in der Lage, sie zu halten.
Kontrolliert atmete sie ein und aus, bis der Boden unter ihren Füßen wieder stillstand. Etwas hatte sich verändert. Der Himmel spiegelte sich nicht mehr in den toten Augen. Sie wurden stumpf und verloren alle Farbe, bis sie wie graubraune Erdklumpen aussahen. Ein Stück bröckelte daraus ab.
Wie paralysiert fixierte Camilla die Steinklumpen in den Höhlen, die zu grauem Sand und Staub zerfielen. Wind kam auf und wehte ihn davon. Von einem Herzschlag auf den anderen erwachte die Welt um sie zu neuem Leben. Menschen schrien und rannten über den Museumsvorplatz. Der Straßenlärm überrollte Camilla mit unsäglicher Gewalt und in einer Geschwindigkeit, als raste die Zeit, um den verlorenen Takt wieder einzuholen.
Erschrocken presste Camilla die Hände gegen die Ohren. Theresa zuckte zusammen und umklammerte ihren Arm. Sie stöhnte lese auf. Camilla merkte, dass sie zu wanken begann. Unsicher taumelte Theresa und zog sie von dem Toten fort.
Sie stolperte zwei, drei Schritte rückwärts. Camilla konnte ihren Blick nicht von den blutigen Abdrücken ihrer Schuhsohlen lösen. Sie folgte den Spuren zurück zu der Leiche.
„Camilla!“, würgte Theresa hervor. Ihre Stimme klang viel zu hoch. Der schiere Anblick des Toten musste sie entsetzen. Zitternd vergrub sie ihr Gesicht an Camillas Hals. Ihr feuchtwarmer Atem fühlte sich unangenehm an. Dennoch umarmte Camilla sie fest und drückte sie an sich. Am Rande bemerkte sie, dass sich Schaulustige um sie sammelten. Einige drängten vor, suchten aber eilig das Weite, als sich entfernt Martinshörner in den Lärm der Umwelt mischten.
Camilla fokussierte den Mann immer wieder. Die zu Staub zerfallenen Augen konnte sie sich nur eingebildet haben. Erneut kroch Kälte in ihren Körper. Was für ein kranker Albtraum war das? Sie zwang sich, das Gesicht nicht länger anzustarren, doch ihre Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zurück, registrierte jedes Detail. Seine Rechte hielt ein altes Fernrohr umklammert. Das Licht brach sich auf Okular und Messingelementen. Vergleichbare Objekte kannte sie von Steampunk-Veranstaltungen, aus Museen und Büchern, aber dieser Gegenstand löste eine eigenartige Empfindung von Erkennen aus. Sie kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Es war ein Déjà-vu, verbunden mit dem Wunsch das Fernrohr an sich zu nehmen. Plötzlich fiel es Camilla schwer, nicht die Hand auszustrecken und danach zu greifen. Es war wie ein Zwang, erstickend und stark. Sie musste es haben! Für einen Moment zerriss der Schleier und die Wahrheit blitzte auf. Es war nur ein einziger kurzer Moment, zu schnell vorüber, um ihn zu ergreifen. Was zurückblieb, war nebulöse Leere, die sie nicht zu füllen in der Lage war.
Theresa riss sich von ihrer Seite los und begann zu würgen. Der letzte Rest des unheimlichen Banns brach. Hilflos hielt sie die Schultern ihrer Freundin umfasst, während diese sich übergab. Tränen rannen über Theresas Wangen und zogen feuchte Spuren über ihre bleiche Haut. Ihre außergewöhnlichen, zweifarbigen Augen wirkten entzündet und die schweren Lider verquollen. Sie zitterte am ganzen Leib. Feine Schweißperlen bedeckten ihre Haut und verklebten die kurzen blonden Haare auf ihrer Stirn. An den Lippen hingen noch Tropfen von Erbrochenem.
Keuchend knickte Theresas ein. Camilla konnte gerade noch zugreifen, bevor sie auf dem Boden aufschlug. Sie stützte ihre zierliche Freundin und führte sie zu einer Bank, ließ sie Platz nehmen und suchte in ihrer Jacke nach Taschentüchern. Plötzlich erfasste sie ihre Umwelt wieder vollkommen rational. Ihr war sofort bewusst, was sie zuvor umklammert hatte: Taschentücher und Geldbörse. Rasch zog sie das Päckchen hervor. Der Geruch nach Säure und halb verdautem Frühstück stieg ihr in die Nase. Das Erbrochene war zu viel für ihren Magen. Sie versuchte, so wenig wie möglich zu atmen, als sie Theresa die Magensäuretropfen von den Lippen tupfte. Erneut würgte Theresa. Hoffentlich übergab sie sich kein zweites Mal. Der Geruch allein reichte aus, dass es Camilla übel wurde. Als sie das schmutzige Taschentuch ein Stück von sich auf den Boden warf, fing sie sich wieder. Sie ließ sich vor ihrer Freundin in die Hocke sinken und ergriff ihre Hände. Trotz der morgendlichen Julihitze fühlten sie sich an wie die einer Toten. Aus weit aufgerissenen Augen starrte Theresa durch sie hindurch. Der Anblick der blauen und der braunen Iris wirkte leicht verwirrend. Angst hatte sie dunkel gefärbt. Unwillkürlich fragte sich Camilla, was Theresa gesehen hatte. Das Gleiche wie sie?
Langsam kroch ein Hauch des Grauens in ihr Herz. Sie fror entsetzlich. Ihre Hände flatterten. Aber sie empfand nichts, es waren Theresas Gefühle, die sie in sich aufnahm. Sie fürchtete sich vor dem Augenblick, in dem sie von all den Emotionen überschwemmt würde, die sie bislang erfolgreich verdrängte. Doch im Moment konnte sie nichts weiter tun, als für Theresa da zu sein und alle Stärke aufzubringen, zu der sie in der Lage war. Nur wie lange hielt sie das durch?
Jenseits der Spreegabelung und der Museumsbrücke hielten Krankenwagen und Polizei. Sanitäter mit Bahre und Zinksarg überquerten den Steg und kamen die Stufen herauf, während uniformierte Polizisten Schaulustige zur Seite trieben.
Camillas Gedanken kreisten um den Selbstmörder. Wer war er gewesen und warum war er gesprungen?
Ihr Blick schweifte über den Museumsvorplatz, über das ameisenartige Gewusel von Männern und Frauen in Uniformen und an der glatten Fassade hinauf. Von außen gab es keinen Weg hinauf. Wie war er also in das Gebäude gelangt … und von welcher Stelle war er gesprungen, um punktgenau vor ihren Füßen aufzuschlagen? Über dem Quader, der den Haupteingang bildete, gab es aus ihrer Perspektive keine Möglichkeit, das Dach zu betreten. Rechts und links neben den Seitenflügeln standen auch keine Scherenbühnen oder andere Hebeeinrichtungen. Möglicherweise irrte sie sich und er hatte den Sprung von ganz oben geschafft. Aber dann hätte er auf dem Vordach aufschlagen müssen, was ihm vermutlich schon das Genick gebrochen hätte und er gar nicht hier unten aufgeschlagen wäre. Sie legte den Kopf in den Nacken, um den pylonartigen Zentralflügel besser in Augenschein nehmen zu können. Es wäre vollkommen unmöglich gewesen, von dort in einem so weiten Bogen zu springen. Niemand überbrückte mehr als 10 Meter Tiefe, selbst wenn er geschleudert worden wäre. Theresa lehnte sich vertraut an sie. Ihre kleine Hand blieb auf Camillas Hüfte liegen. Sie brauchte dringend Zuwendung. Sacht streichelte Camilla über ihre Schulter und drückte sie fest an sich.
„Geht es dir besser?“, flüsterte sie. Theresa sah zu ihr und verzog gequält die Lippen. Langsam schüttelte sie den Kopf. In ihren Augen stand noch immer dieser tiefe Schrecken. Besorgt fuhr Camilla durch ihr strubbeliges Haar.
„Kann ich verstehen.“ Camilla fühlte nichts von dem Schrecken. Ihre Neugier war geweckt. War das nicht vollkommen irrsinnig? Warum dachte sie schon wieder über den Toten nach? Sie sah die Leiche an. Der arme Kerl begann ihr leidzutun. Trotzdem wollte sie wissen, wie er gestorben war und warum. Wie war er überhaupt vor der Öffnungszeit ins Museum gekommen? Sie kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Wenn er Mitarbeiter des Museums war, wäre es erklärbar gewesen. Aber er trug weder Uniform noch Arbeitskleidung wie die Leute der Putzkolonne. Möglicherweise hatte er sich noch nicht umgezogen. Von den Fielmann-Mitarbeitern wusste sie, dass sie sich auch erst im Haus umzogen, bevor sie an die Arbeit gingen. Vielleicht war es bei ihm nicht anders. Sie biss sich auf die Lippe, zupfte an den trockenen Hautschüppchen um ihren Piercingring.
„Können wir verschwinden?“, flüsterte Theresa dicht neben ihrem Ohr, sodass ihr Atem auf der Haut kitzelte.
Mit einer Kopfbewegung zu den Einsatzfahrzeugen schüttelte Camilla den Kopf.
„Ich glaube, das können wir knicken.“
Schwer seufzte Theresa. „War mir klar.“ Sie schob ihre Arme um Camillas Taille und kroch halb unter ihre Jacke. Leise fügte sie hinzu: „Das werde ich nie mehr vergessen.“ Ihr Zittern nahm zu. Sanft umschlang Camilla sie und schmiegte ihre Wange in Theresas Haar. „Der Tote?“, fragte sie.
Trocken schluckte Theresa. „Auch, aber besonders dieses …“ Sie zuckte in Camillas Arm die Schultern, als sie keine Worte fand.
„Dieses was?“, hakte Camilla mit in Falten gelegter Stirn nach.
„Ich weiß nicht, wer oder was das war, aber nachdem der Körper aufgeschlagen ist, habe ich hochgeschaut und jemand da stehen sehn.“

***

Ich hoffe, der kleine Ausschnitt hat euch gefallen 🙂

Bücher, Bücher, Bücher, …


Von meiner Seite gibt es sehr gute Nachrichten zu meinen Projekten. Die Romane Glasseelen, Der Rebell und Die Seelenlosen – Die Stadt der Maschinenmagie haben neue Verlage gefunden 🙂 Aber nun der Reihe nach.

Die Seelenlosen sind ab sofort bei DeadSoft untergekommen und werden dort auch weiterveröffentlicht. Ihr könnt die Bücher also sehr schnell wieder über Simon Rhys Beck erhalten. Das bedeutet auch, dass der zweite Band bald zu lesen sein wird.

Klappentext Die Seelenlosen:
Valvermont war einst die Heimat des Kriegsveteranen Gwenael Chabod, der zum Commandanten über die Garnisonen der Stadt berufen wird. Sein Geliebter Orin – ein ehrwürdiger Priester orcischer Abstammung – ist an seiner Seite, als sich vor Gwenaels Augen ein Mann in eine seelenlose Kreatur verwandelt.
KurCoverz darauf wird eine junge Frau getötet. Einziger Augenzeuge ist der Dieb Jaleel. Sein Bericht deckt Grauenvolles auf – und bringt sein eigenes Leben in Gefahr.
Gemeinsam mit neuen Freunden und Verbündeten jagt Gwenael den finsteren Geist, der von Valvermont Besitz ergriffen hat. Nicht ahnend, wie nah ihm die Dunkelheit bereits ist.
Ein Roman aus einer fantastischen Welt, die die ersten vorsichtigen Schritte in Richtung Moderne wagt. Umgeben von dampfbetriebenen Maschinen, mächtigen Magiern und einem undurchsichtigen Stadtoberhaupt muss Gwenael sich fragen, wem er trauen kann, wer seine Freunde sind, wer ihn liebt und welche düsteren Geheimnisse die Villa seiner Familie birgt.

Hier noch ein kleiner Vorgeschmack auf Band 2 (Vorsicht, Spoiler!):
Hinter den Mauern der ausgebrannten Anstalt Jarvaise lauert die Finsternis und unter der Stadt schlägt ihr mechanisches Herz. Jaleel, Gwenael und seine Schwester Desirée begegnen dem Ursprung der Experimente um Stahl und Lebensenergie: Jarvaise Cordellier, einem Leichnam, der von seiner Tochter Gaëlle durch gestohlene Seelenkraft am Leben erhalten wird. Aber der Tod von Jarvaise und seiner Tochter ist nicht das Ende. Gaëlles Netzwerk ist weitreichend. Weiterhin sterben Menschen und Valvermont wird binnen einer Nacht von Fleischpuppen überrannt. Gwenael weiß, dass er mit seinen Gefährten gegen die Zeit arbeitet, denn die Maschinerie unter der Stadt hat sich verselbstständigt und das dunkle Herz beginnt wieder zu schlagen.

Glasseelen kommt im Mai 2017 bei der Edition Roter Drache heraus und wird noch einmal gründlich überarbeitet. Das bedeutet, dass der Roman in neuem Outfit und einigen Änderungen zu euch kommt, freut euch also auf Steampunk in der Gegenwart, Msytery und Krimi – alle in Berlin 😉 Und ich bin schon jetzt auf das neue (vielleicht besser passende) Cover gespannt.

Klappentext Glasseelen:
Für die 19-jährige Camilla und ihre Freundin Theresa endet ein Museumsausflug mit einem Schock. Ein Mann stürzt sich vor ihren Füßen zu Tode.

Glasseelen - Schattengrenzen I

Seine Augen lösen sich in Staub auf, aus seiner Hand rollen blutige Augäpfel. Steht der Suizid in Zusammenhang mit einem wahnsinnigen Mörder, der sein Unwesen in Berlin treibt? Bereits mehrere junge Frauen sind ihm zum Opfer gefallen. Die verstümmelten Leichen verbindet ein grausiges Merkmal: herausgeschnittene Augen. Obwohl sich Camilla und Theresa unter der Betreuung einer Psychotherapeutin und der Polizei in Sicherheit wähnen, nimmt der Serienkiller sie ins Visier. Von Panik getrieben gerät Camilla in die Unterwelt der Hauptstadt und stößt auf rätselhafte Menschen. Können der greise Amadeo oder der attraktive Chris sie vor ihrem fanatischen Verfolger retten? Mit dem Namen „Sandmann“ gibt Chris ihr einen entscheidenden Hinweis, doch der Killer ist nicht leicht zu überlisten. Um seinen Attacken zu entkommen, muss sich Camilla nicht nur ihrem Peiniger stellen. Sie entdeckt eine übersinnliche Fähigkeit, die vielleicht besser im Verborgenen geblieben wäre …

Der Rebell ist zwar noch immer Teil der Reihe und kommt direkt im Anschluss an Glasseelen, aber der Verlag ist ein anderer: HOMO Littera. Das Buch erscheint im Frühjahr / Früh-Sommer 2017. Bei HOMO Littera kommen alle weiteren Romane um Oliver, Daniel und Co. heraus. Zu diesem Buch gibt es auch schon die erste Auswahl zu em neuen Cover. Der Kleine passt einfach perfekt, viel besser als das alte, aussagefreie Cover 🙂

Klappentext Der Rebell:
Der 16-jährige Oliver und seine jüngeren Brüder Christian und Michael überleben die schlimmste Nacht ihres Lebens. Ihr Vater ermordet Mutter und weitere Geschwister. Das Motiv scheint auf der Hand zu liegen: Untreue.
Doch Oliver undDer Rebell seine Brüder wollen nicht daran glauben, insbesondere als auf Christian ein Anschlag verübt wird. Fassungslos über die Tat und die Inaktivität der Polizei, suchen sie auf eigene Faust nach der Wahrheit und stoßen auf einen unheimlichen Gegner. Lediglich der unerfahrene Kommissar Daniel Kuhn steht ihnen bei.

Zur selben Zeit werden mehrere Tote im Haus des einzigen noch lebenden Verwandten entdeckt. Die Leichen liegen bereits seit 70 Jahre dort. Die Fälle scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, aber Olivers Neugier ist unstillbar. Er glaubt nicht an Zufälle und findet die Gemeinsamkeiten in beiden Fällen.
Doch ihre Gegner scheinen nicht unter den Lebenden zu weilen.

Hier bekommt ihr noch einen Eindruck über die Bildauswahl für das neue Cover zu Der Rebell 🙂

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Der zweite Band wird im Übrigen den Titel Hass tragen … und damit ist die Geschichte von Oliver und Daniel noch lange nicht beendet 🙂

Like a Dream – die neue Anthologie :)


Zu dem 15-jährigen Bestehen von Julianes queerem Rezensionsblog Like a Dream haben sich 15 Autoren inkl. der Bloggerin selbst entschlossen, Kurzgeschichten für die Like a Dream Benefizanthologie zu schreiben.
Bekannte Namen wie Chris P. Rolls, Bianca Nias, Laurent Bach und Jannis Plastargias sind dabei. Hier ein wenig mehr dazu:

Nimm dir Zeit zum Träumen – es bringt dich den Sternen näher. (Irisches Sprichwort)

Seit über 15 Jahren beschäftigt sich der Blog „Like a Dream“ mit queeren Romanen, Comics und Filmen. Grund genug, den Geburtstag mit einer besonderen Anthologie zu feiern. 15+ Autor*innen präsentieren fantasievolle, nachdenkliche und sinnliche Geschichten zum Thema Träume, Wünsche und Hoffnungen.

Der Erlös der Anthologie geht an das Mainzer LSBTI-Zentrum „LBSK e.V.“, das nicht nur mit der „Bar jeder Sicht“ einen Treffpunkt in Mainz geschaffen hat, sondern auch zahlreiche Gruppen und Vereine unterstützt.

Mit Beiträgen von: Tanja Meurer, Florian Tietgen, Bianca Nias, Elisa Schwarz, Laurent Bach, Leann Porter, Sabrina Železný, Jobst Mahrenholz, Karo Stein, Thomas Pregel, Alexa Lor, Chris P. Rolls, Anna Maske, Savannah Lichtenwald, Jannis Plastargias und Juliane Seidel.

In dieser Anthologie gibt es eine sehr gute Mischung verschiedenster Genre, alle zum Thema Träume und die wahrscheinlich innovativste und außergewöhnlichste Geschichte, die allen Lesern bislang sofort aufgefallen ist, stammt von Thomas Pregel 🙂
Davon könnt ihr euch gerne selbst überzeugen, wenn ihr das Buch kauft und (vielleicht) an der Leserunde zu Like a Dream teilnehmt.

Hier noch eine kleine Übrsicht über alle Geschichten in Form der Leseproben.

like-a-dream-benefizanthologie-ebook-01-ck

Ein kleiner Auszug aus meinem „Bruderliebe“ (Like a Dream-Anthologie):

Ich hob den Kopf und sah zu meinem Bruder. Er hatte sich auf die Seite gerollt. Seine Augen standen offen. Schweigend beobachtete er mich. In seinem Blick lag tiefe Trauer. Für einen Moment begriff ich nicht. Meine Gedanken hingen noch zu sehr zwischen den Zeilen fest. Ich streifte Kael ab, um der Wirklichkeit Platz einzuräumen. Das Leid meines Bruders war greifbar. Es fiel mir schwer, diesem leidenschaftlich starken, gelebten und erduldeten Gefühl standzuhalten.

Die Seelenlosen – auf der Leipziger Buchmesse


Okay, das klingt schräg … Zombi-Walk auf der LBM. Obwohl, in gar mancher Messehalle gäbe es da schon das eine oder andere Hirn zu futtern, besonders am Messe-Samstag 😉 Scherz beiseite. Bei den „Seelenlosen“ hopsen ohnehin keine Zombies durch die Weltgeschichte machen sich über die arme Bevölkerung her. Eigentlich wollte ich mit dem Artikel nur anmerken, dass das Buch zur LBM beim Incubus-Messestand zu kaufen sein wird. Auf der Verlagsseite ist der Roman auch vorbestellbar. Amazon führt es ebenfalls schon.

Hier noch mal der Klappentext:
Valvermont war einst die Heimat des Kriegsveteranen Gwenael Chabod, der zum Commandanten über die Garnisonen der Stadt berufen wird. Sein Geliebter Orin – ein ehrwürdiger Priester orcischer Abstammung – ist an seiner Seite, als sich vor Gwenaels Augen ein Mann in eine seelenlose Kreatur verwandelt.
Kurz darauf wird eine junge Frau getötet. Einziger Augenzeuge ist der Dieb Jaleel. Sein Bericht deckt Grauenvolles auf – und bringt sein eigenes Leben in Gefahr.
Gemeinsam mit neuen Freunden und Verbündeten jagt Gwenael den finsteren Geist, der von Valvermont Besitz ergriffen hat. Nicht ahnend, wie nah ihm die Dunkelheit bereits ist.

Cover

Das Cover ist seit Monatsmitte Februar auch schon bekannt und ich weiß, dass die Bücher bei der Druckerei sind 🙂 Deswegen gibt es auf der LBM auch signierte und bezeichnete Ausgaben zu kaufen. Leider bin ich nicht dabei, was auch daran liegt, dass ich gerade erst einen neuen Job angetreten habe und Urlaubstage in der Anfangsphase alles andere als passend wären.

Dafür habe ich um das diesjährige QUEER gelesen frei und kann auf dem Lesefestival zum ersten Mal „Die Seelenlosen“ vorstellen. Dieses Jahr findet es vom 22.04. bis 24.04. in Mainz, in der Bar jeder Sicht statt. Diese Location passt zum Festival auch mehr als andere. Es ist das Kultur- und Kommunikationszentrum für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Intersexuelle ni Mainz. Dabei sind gute alte Bekannte wie Chris P. Rolls, Jana Walther, Jobst Marenholz, Nino Delia und ich, aber auch vollkommen neue Gesichter. Besonderes Augenmerk bekommt Volker Surmann, der bei Goldmann seinen (sehr humorigen) Roman „Mami, warum sind hier nur Männer“ veröffentlicht hat, aus dem er am Freitag auch lesen wird. Ebenso T.A. Wegberg, der bereits mehrfach ausgezeichnet wurde und der der zweite Vorsitzende des freien Deutschen Autorenverbands Berlin e.V. ist. Judith Hüller ist durch ihre lustige „Violett“-Reihe bekannt. Darüber hinaus sind noch mehr neue Autoren dabei, solche, die im Gay-Romance-Bereich einen Namen haben: Bianca Nias, Savanna Lichtenwald und S.B. Sasori, aber auch einige Autorinnen lesbischer Literatur: Julia Mayer und Lina Kaiser.
Es gibt Dramen, Alltägliches, Thriller, Fantasy und viel Lustiges. Ihr könnt euch auf viele neue Sachen freuen und vor allem auf einige ganz besondere und besonders vorgetragene Beiträge. Also richtig viel neue Bücher zum Anhören 🙂