Bücher, Bücher, Bücher, …


Von meiner Seite gibt es sehr gute Nachrichten zu meinen Projekten. Die Romane Glasseelen, Der Rebell und Die Seelenlosen – Die Stadt der Maschinenmagie haben neue Verlage gefunden 🙂 Aber nun der Reihe nach.

Die Seelenlosen sind ab sofort bei DeadSoft untergekommen und werden dort auch weiterveröffentlicht. Ihr könnt die Bücher also sehr schnell wieder über Simon Rhys Beck erhalten. Das bedeutet auch, dass der zweite Band bald zu lesen sein wird.

Klappentext Die Seelenlosen:
Valvermont war einst die Heimat des Kriegsveteranen Gwenael Chabod, der zum Commandanten über die Garnisonen der Stadt berufen wird. Sein Geliebter Orin – ein ehrwürdiger Priester orcischer Abstammung – ist an seiner Seite, als sich vor Gwenaels Augen ein Mann in eine seelenlose Kreatur verwandelt.
KurCoverz darauf wird eine junge Frau getötet. Einziger Augenzeuge ist der Dieb Jaleel. Sein Bericht deckt Grauenvolles auf – und bringt sein eigenes Leben in Gefahr.
Gemeinsam mit neuen Freunden und Verbündeten jagt Gwenael den finsteren Geist, der von Valvermont Besitz ergriffen hat. Nicht ahnend, wie nah ihm die Dunkelheit bereits ist.
Ein Roman aus einer fantastischen Welt, die die ersten vorsichtigen Schritte in Richtung Moderne wagt. Umgeben von dampfbetriebenen Maschinen, mächtigen Magiern und einem undurchsichtigen Stadtoberhaupt muss Gwenael sich fragen, wem er trauen kann, wer seine Freunde sind, wer ihn liebt und welche düsteren Geheimnisse die Villa seiner Familie birgt.

Hier noch ein kleiner Vorgeschmack auf Band 2 (Vorsicht, Spoiler!):
Hinter den Mauern der ausgebrannten Anstalt Jarvaise lauert die Finsternis und unter der Stadt schlägt ihr mechanisches Herz. Jaleel, Gwenael und seine Schwester Desirée begegnen dem Ursprung der Experimente um Stahl und Lebensenergie: Jarvaise Cordellier, einem Leichnam, der von seiner Tochter Gaëlle durch gestohlene Seelenkraft am Leben erhalten wird. Aber der Tod von Jarvaise und seiner Tochter ist nicht das Ende. Gaëlles Netzwerk ist weitreichend. Weiterhin sterben Menschen und Valvermont wird binnen einer Nacht von Fleischpuppen überrannt. Gwenael weiß, dass er mit seinen Gefährten gegen die Zeit arbeitet, denn die Maschinerie unter der Stadt hat sich verselbstständigt und das dunkle Herz beginnt wieder zu schlagen.

Glasseelen kommt im Mai 2017 bei der Edition Roter Drache heraus und wird noch einmal gründlich überarbeitet. Das bedeutet, dass der Roman in neuem Outfit und einigen Änderungen zu euch kommt, freut euch also auf Steampunk in der Gegenwart, Msytery und Krimi – alle in Berlin 😉 Und ich bin schon jetzt auf das neue (vielleicht besser passende) Cover gespannt.

Klappentext Glasseelen:
Für die 19-jährige Camilla und ihre Freundin Theresa endet ein Museumsausflug mit einem Schock. Ein Mann stürzt sich vor ihren Füßen zu Tode.

Glasseelen - Schattengrenzen I

Seine Augen lösen sich in Staub auf, aus seiner Hand rollen blutige Augäpfel. Steht der Suizid in Zusammenhang mit einem wahnsinnigen Mörder, der sein Unwesen in Berlin treibt? Bereits mehrere junge Frauen sind ihm zum Opfer gefallen. Die verstümmelten Leichen verbindet ein grausiges Merkmal: herausgeschnittene Augen. Obwohl sich Camilla und Theresa unter der Betreuung einer Psychotherapeutin und der Polizei in Sicherheit wähnen, nimmt der Serienkiller sie ins Visier. Von Panik getrieben gerät Camilla in die Unterwelt der Hauptstadt und stößt auf rätselhafte Menschen. Können der greise Amadeo oder der attraktive Chris sie vor ihrem fanatischen Verfolger retten? Mit dem Namen „Sandmann“ gibt Chris ihr einen entscheidenden Hinweis, doch der Killer ist nicht leicht zu überlisten. Um seinen Attacken zu entkommen, muss sich Camilla nicht nur ihrem Peiniger stellen. Sie entdeckt eine übersinnliche Fähigkeit, die vielleicht besser im Verborgenen geblieben wäre …

Der Rebell ist zwar noch immer Teil der Reihe und kommt direkt im Anschluss an Glasseelen, aber der Verlag ist ein anderer: HOMO Littera. Das Buch erscheint im Frühjahr / Früh-Sommer 2017. Bei HOMO Littera kommen alle weiteren Romane um Oliver, Daniel und Co. heraus. Zu diesem Buch gibt es auch schon die erste Auswahl zu em neuen Cover. Der Kleine passt einfach perfekt, viel besser als das alte, aussagefreie Cover 🙂

Klappentext Der Rebell:
Der 16-jährige Oliver und seine jüngeren Brüder Christian und Michael überleben die schlimmste Nacht ihres Lebens. Ihr Vater ermordet Mutter und weitere Geschwister. Das Motiv scheint auf der Hand zu liegen: Untreue.
Doch Oliver undDer Rebell seine Brüder wollen nicht daran glauben, insbesondere als auf Christian ein Anschlag verübt wird. Fassungslos über die Tat und die Inaktivität der Polizei, suchen sie auf eigene Faust nach der Wahrheit und stoßen auf einen unheimlichen Gegner. Lediglich der unerfahrene Kommissar Daniel Kuhn steht ihnen bei.

Zur selben Zeit werden mehrere Tote im Haus des einzigen noch lebenden Verwandten entdeckt. Die Leichen liegen bereits seit 70 Jahre dort. Die Fälle scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, aber Olivers Neugier ist unstillbar. Er glaubt nicht an Zufälle und findet die Gemeinsamkeiten in beiden Fällen.
Doch ihre Gegner scheinen nicht unter den Lebenden zu weilen.

Hier bekommt ihr noch einen Eindruck über die Bildauswahl für das neue Cover zu Der Rebell 🙂

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Der zweite Band wird im Übrigen den Titel Hass tragen … und damit ist die Geschichte von Oliver und Daniel noch lange nicht beendet 🙂

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Eisnacht – eine Kurzgeschichte zu „Der Rebell“

Oliver

Hier wieder mal was Unheimliches zu Ollis Erbe – der Buchhandlung, dem Archiv und dem alten Mietshaus im Wiesbadener Rheingau-Viertel …

Eisnacht

Fahles Laternenlicht zerfaserte. Eisige Nebel hingen in den Straßen, zwischen den Häusern und dämpften jeden Laut auf ein unwirkliches Echo herab. Der Asphalt war glatt.

Durch die drückende Atmosphäre roch die Luft nach Abgasen. Unter den Gestank mischte sich der Duft nach Gebäck, Tannennadeln und Harz.

Oliver zog seinen Rollkragen aus der schäbigen Lederjacke und vergrub sich darin. Sein warmer Atem und der hautwarme Wollstoff vermittelten ihm den trügerischen Eindruck, nicht mehr so stark zu frieren. Seine Häsin Opa krallte sich unter Pulli und Jacke fest. Die Wärme des Tieres tat gut. Trotz allem wollte Oliver so schnell wie möglich wieder in seine beheizte Buchhandlung zurück. Unter seinem Arm klemmten mehrere schwere Lederfolianten, gründlich eingepackt, die er vom Restaurator abgeholt hatte. In Gedanken befand er sich bereits zu Hause. Die überfüllte Innenstadt verdeutlichte ihm, dass man in der Vorweihnachtszeit eher Zeit mit Familie und Freunden verbringen sollte.

Geiler Kommerz, dachte er verärgert.

Er sehnte sich nach einer heißen Dusche oder einem Bad. Der Gedankengang aufzutauen, war verlockend. Leider ging die Arbeit vor.

Mit weit ausgreifenden Schritten eilte er durch die Straßen. Er ignorierte die erleuchteten Schaufenster und die geschmückten Häuser.

Weihnachten? Ein Fest für Weicheier!

Als er endlich die Haustüre hinter sich ins Schloss drückte, fror er in dem Hausflur nur noch mehr. Die Wände atmeten Kälte aus. Es lag nicht an dem Winterwetter, sondern an dem bohrenden Gefühl, aus verschiedenen Richtungen beobachtet zu werden. Die Schatten dehnten und wanden sich vor seinen Augen. An manchen Stellen, direkt unter der Treppe, jenseits des Windfangs, ballten sie sich.

Zuckte dort nicht der konturlose Schädel eines Wächters? Oliver ballte die Fäuste. Unter seiner Jacke strampelte Opa. Sie spürte ihre Anwesenheit ebenfalls.

„Beruhig’ dich, Dicke.“ Seine Stimme bebte. Trotz allem fehlte das Gefühl wirklicher Angst. In all den Jahren, die er und seine beiden jüngeren Brüder hier lebten und arbeiteten, hatte er sich an die permanente Anwesenheit von Geistern gewöhnt. Aber er verabscheute die Wächter. Obwohl er sie nicht deutlich ausmachen konnte, spürte er die gesichtslosen Geisterfresser. Einer der Verdammten musste ihnen aus ihrer grell weißen Welt entkommen sein.

Opa strampelte heftiger. Mit einer Hand strich er über die zappelnde Beule in seiner Jacke. Das Tier beruhigte sich widerwillig. Sie fürchtete sich. Schaudernd tastete er nach dem Lichtschalter. In diesem verrotteten, alten Geisterhaus konnte einfach niemand leben.

Licht flutete die steilen Treppen. Tatsächlich kauerte ein Wächter unter der Treppe, auf der Rückseite seines Geschäftes. Das Wesen war außergewöhnlich klein. Oliver kannte drei bis vier Meter große Wächter. Trotz allem verlor das Geschöpf nichts von seiner Bedrohlichkeit. Der augenlose Schädel pendelte auf dem zwei Meter langen, dünnen Hals. Aus den ausgerissenen Winkeln seines Maules troff Speichel.

Es klaffte auf. Die fingerlangen, spitze Zähne riefen in Oliver unangenehme Erinnerungen wach. Diese Wesen jagten und fraßen Geister, die sich nicht an die Grenzen der hoffnungslose Spiegelwelt hielten und ausbrachen. Ihm war klar, dass die Wächter keine helfenden, freundlichen Geschöpfe hinter den Spiegeln fest hielten. Das, was sich dort verbarg, waren Monster.

Der massige Leib senkte sich, als der Wächter sich auf seine vergleichsweise kurzen, muskulösen Hinterbeine setzte, um sich vorne auf den doppelt so langen Vorderläufen abzustützen. Der Anblick erinnerte Oliver an eine groteske Mischung aus einem Dinosaurier und einem besonders hässlichen Hund.

„Was willst du?“ Oliver sah den Wächter herausfordernd an.

Ein tiefes Grollen drang aus der Kehle des Wesens.

Mit einigen Sätzen stand Oliver auf gleicher Höhe. Der Kopf des Wächters zuckte zu ihm. Fauliger Atem schlug Oliver ins Gesicht. Er wendete sich kurz ab. Der lange Hals reckte sich um ihn herum. Es schien fast, als suche der Wächter nach Olivers Aufmerksamkeit.

„Was willst du?“

Von dem Monster kam keine Reaktion. Lediglich sein abstoßender, flacher Schädel rückte näher.

„Wo bleibt deine Empathie? Sonst seid ihr doch auch hervorragend darin, mir den Kopf mit eurem bescheuerten Gedankengut zu füllen.“

Das Wesen reagierte nicht. Oliver umging den Wächter. Ihm war bewusst, dass mit dem Wächter irgendetwas nicht stimmte. Das Ding war nicht nennenswert größer als er selbst. Es zwang ihm auch keine Gefühle und Eindrücke auf, wie seine größeren Artgenossen. Kopfschüttelnd schloss er die Hintertüre des Ladens auf und öffnete den Stromkasten, um die Hauptsicherung einzudrehen. Die gelben Lampen flackerten, bevor sie wieder ausgingen.

„Scheiße!“ Oliver versetzte dem Kasten einen Schlag. Er legte die Bucher auf den Boden. Opa wurde bei der Bewegung zusammengestaucht und zappelte verärgert. Entnervt öffnete er den Reisverschluss und die Hüftschnallen, damit sie frei im Geschäft herumhoppeln konnte. Die massige Stallhäsin sprang mit einem weiten Satz auf den Boden und schlidderte auf den gebohnerten Dielen bis an die Kante zu den Stufen in das Ladenlokal. Nachdem sie sich gefangen hatte, klopfte sie mit ihren kräftigen Hinterläufen mehrfach aufgebracht und klapperte beleidigt mit ihren Zähnen. Er beobachtete, wie sie aus dem Lichtkegel des Treppenhauses, zwischen den Buchregalen verschwand. Ein unförmiger Schatten fiel auf den Boden. Feuchtheißer Atem schlug ihm in den Nacken. Er fuhr herum. Der Wächter kauerte auf der Schwelle. Sein Kopf pendelte keine Hand breit vor Olivers Gesicht.

Sein Magen verkrampfte sich. Ihm wurde schlecht. Zugleich ballte sich Wut in ihm.

„Verpiss dich!“ Er stieß den Kopf des Wächters mit der Hand zurück. Unbeeindruckt blieb das Wesen hocken.

„Bist du ein Hund?“, fragte Oliver entnervt. Er wandte sich kopfschüttelnd ab. Mit flinken Fingern drehte er eine Ersatzsicherung in den Kasten.

Das Licht flackerte. Unter der Decke entflammten mehrere archaische Kristalllampen. Oliver atmete auf.

Ohne dem Wächter weitere Beachtung zu schenken, hob er die Bücher auf.

Er warf er Jacke und Mütze auf den Tresen. Mit beiden Händen fuhr er sich durch den Iro.

Dielen knarrten. Erschrocken sah er sich um. Der Wächter blieb stehen.

„Was willst du nur?“

Erneut blieb der Wächter stehen. Ohne es begründen zu können, empfand er das Monster als vollkommen ungefährlich. Die Reaktion seiner Häsin sprach eigentlich dagegen. Opas Instinkt war ein untrüglicher Indikator für Gefahren.

Der Wächter reckte sich. Sein Maul klaffte auf. Aus den Tiefen seines Halses drang dumpfes Grollen. Speichel troff zu Boden. Trotz allem ging sein Augenloser Blick weit an Oliver vorbei.

„Was …“

Das Gefühl, nicht mehr allein zu sein, erfüllte ihn. Ein eisiger Hauch strich über seinen Rücken. Sofort begann er wieder zu frösteln. Die Härchen auf seinen Armen elektrisiert. Er kannte das Gefühl. Geistererscheinungen kündigten sich so an.

Langsam wandte er sich um. In der Mitte des Ladens stand ein kleines, zierliches, vielleicht fünfjähriges Mädchen, dessen dunkle Locken von einer schäbigen Schleife aus dem Gesicht gebunden wurden. Sie trug wollene Strümpfe und ein mattrotes Kleid. Über dem Die Armbinde mit dem Davidsstern zeichnete sie als Jüdin aus.

„Ruth?“ Obwohl er es nicht wollte, zuckte Oliver zusammen. Ungläubig starrte er seine kleine Geisterfreundin an. Bislang begleitete sie nie diese Todeskälte.

Im gleichen Moment schalt er sich einen Narren. Ruth war kein böses Geschöpf.

Ihre ewig verweinten Augen gaben ihr den Anschein verloren zu sein. Trotz allem lag erwachsener Ernst in ihrem Blick.

Der Wächter grollte immer noch hinter ihm.

„Ach, gib Ruhe!“ Er sah sich nicht zu dem Wesen um. Eilig trat er um den Tresen herum und setzte sich auf die Stufen.

„Was ist, Ruth?“

Sie erwiderte einen Moment seinen Blick und zögerte. „Der Wächter ist nicht wegen mir hier.“ Ihre erwachsene Stimme passte nicht zu dem Kinderkörper. „Ich weiß nicht, wer ausgebrochen ist, aber …“ Sie unterbrach sich, als würde sie lauschen. Das Grollen des Wächters nahm zu. Oliver sah über die Schulter. Das graue Monster schien sich aufzublähen. Kopf und Körper gewannen ständig an Masse. Binnen Sekunden füllte das Ding den schmalen Flur fast aus. An seinen Fängen troff grünlicher Schleim herab. Eine Woge unidentifizierbarer, bizarrer Gedanken drang in Oliver ein. Gefühle, die nichts Menschliches an sich hatten, durchdrangen seine Seele. Spinnfinger griffen in sein Wesen ein, zerrten alle Empfindungen hervor und wirbelten sie durcheinander. Tausend Stimmen explodierten in grellem Kreischen. Weißes Licht flackerte vor seinen Augen. Der antike Buchladen umriss sich scharf in schwarzen Schlagschatten: die Welt hinter den Spiegeln. Es tat weh. Oliver presste die Kiefer aufeinander. Er glaubte den Verstand zu verlieren. Sein Körper wurde von dem Wächter ausgehöhlt. Schwäche ergriff ihn. Er sackte bebend in sich zusammen.

Genauso brutal, wie der Wächter sich mit ihm verband, zog er sich auch zurück. Von einem Moment zum nächsten herrschte vollkommene Stille. Die Leere, die das Wesen zurückgelassen hatte, breitete sich in Eisnebeln aus.

Obwohl er den Laden sah, fühlte Oliver sich blind. Ein hoher, pfeifender Ton in seinem Innenohr signalisierte ihm, dass er wieder zu sich kam. Mühsam schüttelte er die Taubheit ab …

Schmerz durchzuckte ihn, als Opa ihre langen Nagezähne in seinen Finger rammte.

„Spinnst du?!“ Er zog die Hand weg und schob seine Häsin mit dem Stiefel zur Seite. Opa ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie sprang über die Stahlkappe hinweg und hockte sich zwischen seine Beine.

Oliver wich ihrem vorwurfsvollen Blick aus. Ruth stand nur einen Schritt von ihm entfernt. In ihren Augen glomm tief rotes Feuer. Ihre Lippen bebten vor Anstrengung. Hatte sie den Wächter etwa zurück gedrängt?

Ein formloser, heißer Leib berührte Olivers Rücken. Er fuhr herum. Der Wächter drängte sich an ihn. Weit über Oliver pendelte der Schädel. Er folgte der Richtung, in die das Wesen spähte.

Aus einer Ecke zwischen den Buchregalen wehte kalter Nebel in den Raum. Die Temperatur sank deutlich. Eine mächtige, böse Entität befand sich hier. Eiskristalle flirrten zu Boden. Schauer rannen über seinen Rücken. Die feinen Härchen auf seinen Armen richteten sich auf. Sein Atem kondensierte vor seinen Lippen. Trotzdem er fror, rann Schweiß über seine Schläfen. Irgendetwas Unvorstellbares kam.

Oliver sprang wütend auf. Etwas Vergleichbares war in all den Jahren, die er seit dem Selbstmord seines Großvaters hier lebte, nicht einmal passiert.

Opa zog sich zähneklappernd hinter ihn zurück, während der Wächter die Stufen hinab sprang. Ruth wich ihm in letzter Sekunde aus.

Sein Massiger Leib duckte sich zu Boden. Er zog den Hals an und wartete. Seine Klauen fetzten Splitter aus dem Holz. Er schien zu lauern.

„Was ist das, Ruth?“

Dicht neben Oliver materialisierte ihre Gestalt. Sie antwortete nicht, spannte sich aber.

Oliver musste wissen, was geschah. Er löste sich von ihrer Seite und spähte in den Gang zwischen den Regalen. Eis überzog Schaufenster, Boden und Bücher. Schemen zuckten über die sonst so staubige Scheibe. Die Buchhandlung wurde gespiegelt. Allerdings sah sich Oliver nicht in der Reflektion. An seiner Stelle stand ein ihm vertrauter Mann, sein Großvater.

Die grausamen, verfallenen Züge brannten sich in Olivers Verstand. Der Alte erinnerte an eine bizarre Karikatur eines Menschen. Alle negativen Emotionen hatten sich in die Mimik um den lippenlosen Mund gegraben. Helle, fast blinde Augen starrten aus tiefen Höhlen. Die Pergamenthaut riss bereits über den hohen Wangenknochen und dem massiven Kiefer. Der Geist entblößte Ruinen gelber Zähne, die kaum noch in den Resten des einst rosigen Gewebes saßen. Aus seinem Mund wand sich ein Klumpen schleimigen Fleisches.

Der Alte umklammerte mit beiden Armen Bücher. Aus den alten Werken troff Blut auf die Dielen.

Oliver stöhnte gequält auf. Einen Herzschlag später brach grell weißes Licht aus der Scheibe. Die Welt um ihn gerann zu flackernder Helligkeit. Zeitgleich verschob sich der Raum. Er war dem Geist nah genug, um ihn berühren zu können. Mit einem Satz brachte er Abstand zwischen sich und seinen Großvater.

Wo waren der Wächter, Opa und Ruth?

Olivers Blick irrte durch den verzerrten Innenraum des Ladens. Nichts, niemand. Er war mit seinem Großvater allein. Wütend knirschte er mit den Zähnen.

Der Alte umklammerte die Bücher. Sein Maul verzog sich zu einem grotesken Grinsen.

„Dein Leben für meine Freiheit!“

Seine Stimme klang wie Fingernägel auf einer Tafel. Oliver überlief eine Gänsehaut. Tief in seinem Herz bohrte Angst. Er kannte die Welt hinter den Spiegeln, schließlich war er schon einmal gestorben und wurde zurückgeholt. Wahrscheinlich hatte dieses Erlebnis seinen Geist für die Ebene der Toten sensibilisiert. Innerlich gefror er. Dieser Ort war erbarmungslos. Die Sünden, die im Leben begangen würden, geißelten die Seele auf ewig.

Er atmete tief durch. „Glaubst du wirklich, dass ich dabei mitmache?“ Er schüttelte den Kopf. „Vergiss es!“

Der Alte ließ die Bücher zu Boden gleiten. Zwei von ihnen schlugen an willkürlichen Stellen auf.

„Alles, was ich aufgebaut habe, vernichtest du!“ Der alte Mann ballte die Fäuste. Oliver spannte sich. Das Licht brannte in seinen Augen. Er musste sich beherrschen, nicht zu blinzeln. Schleichende Ermattung ergriff ihn. Lebenskraft floss aus ihm heraus. Er musste etwas unternehmen. Mühsam sammelte er Kraft.

Waren Geister für ihn nicht stofflich?

„Der Schatz, den ich zusammengetragen habe …“

Ohne Vorwarnung rammte er seinem Großvater die Faust gegen den Kehlkopf. Der Alte brach keuchend in sich zusammen.

„Was soll der Scheiß! Du hast dir das Leben genommen, du elender Feigling. Ansprüche kannst du gar keine mehr anmelden!“

Wütend drückte er den alten Mann nieder. „Was hast du getan, um an alte Bücher zu kommen?!“

Röcheln antwortete ihm. Oliver lockerte seinen Griff. „Was wirfst du mir vor?!“

Der Alte schlug seine Hand fort. „Skrupel!“ Seine gesplitterten, nikotingelben Klauen schossen vor. Oliver sprang zurück. Trotz seiner Reaktionsschnelle zogen die Nägel brennende Spuren über seine Brust.

Seine Energie ließ nun rapide nach. Keuchend trat er nach seinem Großvater, der wieder auf die Beine kam. Er hörte ein ungesundes Knacken in den morschen Knochen, als er mit dem Stiefel Schienbein und Knie traf.

Der Alte schrie.

Wie lang sollte dieser Kampf noch gehen? Mühsam richtete Oliver sich auf. Er musste diesen Ort verlassen, bevor seine Lebensenergie sich in der Welt hinter den Spiegeln verteilte.

Taumelnd drehte er sich im Kreis. Wo befand sich das Portal?

Die blendende Helligkeit war das Einzige, was er sah.

Rasch drehte er sich zu dem Alten um.

Sein Großvater hatte sich aufgerichtet. Er presste die Bücher wieder an sich. „Mein Leben …!“

Wie eine Katze sprang der Alte ihn an. Schmerzen empfand er keine mehr.

Oliver wankte zur Seite. Sein Gleichgewicht setzte aus. Für einen furchtbaren Moment wusste er, dass sein Großvater gewonnen hatte. In der gleichen Sekunde löste sich etwas in seinem Verstand. Plötzlich sah er die Welt anders, klarer. Stimmen flirrten um ihn herum. Tiefe, dunkle Gefühle fluteten seine Seele. Vollkommen neue, monströse Stärke rann durch seinen Körper. Er wusste unumstößlich, dass etwas Unmenschliches von ihm Besitz ergriffen hatte. Der Gedankengang ging so schnell, wie er kam. Einen Augenblick lang kannte er sogar die Antwort auf seine Fragen. Als die Klauen seines Großvaters in seine Brust drangen, verwischten die Eindrücke.

Es tat nicht weh. Er starb nicht … Die Arme des Alten steckten bis zu den Ellbogen in seinem Körper. Der Blick der hellen Augen wechselte von Triumph zu Entsetzen.

Oliver spürte, wie er die Macht über seine Handlungen verlor. Ein anderes Bewusstsein nistete sich ein, beherrschte ihn. Mit aller Kraft versuchte er den Eindringling zurück zu drängen. Ein stechender Schmerz in seinen Schläfen ließ ihn zusammen zucken. Er hörte das Grollen des Wächters in seinen Gedanken.

Gib nach!

„Nein!“

Wir sterben.

„Nie!“

Er ist ein Mörder.

„Ich …“ Oliver wurde schlecht. Er wusste, dass sein Großvater getötet hatte. Ihm fiel es immer schwerer, dem Bewusstsein des Wächters Stand zu halten.

Er hat seinen Schatz mit Leben erkauft.

Obwohl ihm das keine Neuigkeit war, erschütterte ihn diese Wahrheit. Der Wächter nutzte seine Chance. Von einer Sekunde zur nächsten zwang ihn das Wesen in die Position des Beobachters. Oliver war nicht mehr Herr seines Körpers …

Sein Kopf zuckte gegen die Kehle seines Großvaters. Ein schwacher Hauch Entsetzen berührte sein Herz, bevor sich seine Zähne in die Kehle des Geistes schlugen und sie heraus rissen.

Bebend starrte Oliver auf seine Brust. Nichts. Dort, wo der Geist gestanden hatte, lagen nur ein paar Bücher, die vom Auslagentisch heruntergefallen waren. Das warme Licht der Kristalllampen umfing ihn. Er befand sich wieder in der Realität. Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte er sich, dass der Wächter diese Ebene verlassen hatte. Ruth hockte auf den Stufen, Opa neben sich. Ihre Augen schimmerten feucht. Zum ersten Mal sah er sie weinen.

„Was ist denn, Kleines?“ Auf unsicheren Beinen wankte er zu ihr und ließ sich neben sie fallen. Ruth lehnte sich an ihn. Wie selbstverständlich wischte sie ihr feuchtes Gesicht an seinem Pullover ab.

„Hey, lass das mal nicht zur Gewohnheit werden!“

Sanft umarmte er sie. Ruth seufzte. „Es ist gut, dass du zu ihnen gehörst.“

„Was?“

Sie richtete sich auf. „Du bist einer der Wächter, nur auf der anderen Seite der Spiegel“, entgegnete sie. Mit einer Hand zupfte sie an ihrem Rocksaum.

Eisiger Schrecken rann durch seine Adern. „Quatsch …“

Sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Warum glaubst du, sammeln sich Geister in deiner Nähe?“

Er hob die Schultern. „Weil das ein verdammtes Haus ist?“

Vehement schüttelte sie den Kopf. „Du bist einer der Wächter. Die Grauen sind deine Gefährten.“

Er legte die Stirn in Falten. „Und woher weißt du das, Fräulein Naseweis?“

Mit gehobenen Brauen und dem Tonfall einer Erwachsenen entgegnete sie: „Weil dein Großvater – mein Vater – schon einer war.“

Oliver zuckte zusammen. „Niemals!“

Sie lachte humorlos auf, bevor sie sich erhob. „Er ist für die ruhelosen Seelen verantwortlich, Oliver.“ Ihre Stimme nahm einen beschwörenden Klang an. „Um an die ganzen Werke zu gelangen, opferte er hunderte Menschen. Ihr Leben ist an diesen Ort und an die wertvollen Bücher gebunden.“ Sie drehte sich im Kreis. Mit einer Hand strich sie über ihre Brust. „Er hat sogar meine Mutter und mich geopfert.“ Oliver erhob sich. Behutsam zog er den Kinderkörper an sich und streichelte ihren Kopf. „Es ist vorbei, Ruth. Dein Vater kann dir und deiner Welt nie mehr gefährlich werden.“

Spuren im Schnee – Kurzgeschichte aus dem „Schattengrenzen“-Umfeld

Spuren im Schnee

Eine weitere winterlich weihnachtliche Geschichte, unheimlich und ein bisschen … gay 😉

Spuren im Schnee

Die eisige Nachtluft trug den dumpfen Lärm des Weihnachtsmarktes heran, noch bevor sie durch das Tor in die engen Gassen der Marktstände traten. Schrilles Lachen und Gesprächsfetzen rissen in dem immer wieder aufkommenden, scharfen Wind von den Lippen der Menschen.
Hunderte drängten sich durch die Straßen der Innenstadt zum Marktplatz hinab. Einige gemeinsam mit ihren Familien, andere allein. Schwere Parfumwolken hingen wie feuchtwarmer Atem zwischen den Wänden der Häuser. Ein schwach sauerer Geruch nach Glühwein mischte sich in den Duft von Süßigkeiten und Bratwurst. Über ihren Köpfen schwebten Schneeflocken herab und setzten sich in Haare und Stoff, um von kleine Kristalle zu unansehnlichen Tropfen zu schmelzen.
Modriger Geruch stieg aus alten Wollstoffen auf.
Philippe gefielen die strengen Gerüche nicht besonders. Er empfand besonders das Eau de Toilette einzelner Frauen als unerträglich, wenn es sich langsam mit Schweiß, Alkohol und dem schmelzenden Schnee mischte und zu etwas widerlich Klebrigen in der Nachtluft wurde.
Die gesamte Situation kam ihm vor wie ein Alptraum. Dieses künstlich fröhliche Weihnachtsfest stand in keiner Verbindung mehr zu dem, was er aus seiner Kindheit kannte.
Umso mehr schien es Krümel zuzusagen. Der junge Mann ging dicht an seiner Seite, sodass sich ihre Arme immer wieder berührten.
Philippe sah in dem friedvollen Gesicht seines Partners unbeschreibliches Glück über die momentane Situation. Er genoss das Gedränge der Vorweihnachtstage, die dumpfe Hitze in all der winterlichen Kälte und die wilde, erregende Hektik der Menschen.
Das Leben des jungen Mannes hatte ihm in den Jahren zuvor wenig Gutes geboten; schon gar keine Freuden wie diese. Krümel sah die Welt deswegen eher mit den Augen eines Kindes. Er filterte ganz selbstverständlich alles Künstliche und Aufgesetzte aus. So blieben von Plastikfiguren mit LED-Beleuchtung, Weihnachtsbäumen, geschmückt mit flirrendem Unsinn und bedrängender Enge zwischen hektischen Menschen nur die warmen Gefühle und der Duft nach den kommenden Festtagen.
Das elektrische Weihnachten bemerkte Krümel nicht.
Vermutlich nahm er auch nichts von der unheimlichen Kälte zwischen den Ständen des Weihnachtsmarktes wahr, und den tiefen Schatten, in denen sich Dinge verbargen, die alle Besucher in diesen Tagen verdrängten. Sorglosigkeit nach Kalendarium, dachte Philippe bitter.
Trotzdem erinnerte er sich seiner eigenen Kindheit.

Krümel vergrub seine Hände in den Taschen seiner Jacke und barg sein Gesicht bis zur Nase in dem grellgrünen Pali, während er sich versonnen an Philippe lehnte. Scheinbar fror er. Philippe konnte es nachvollziehen. Die bittere Kälte grub sich auch unter seinen dichten, schwarzen Wollmantel. Er suchte selbst die Wärme seines Freundes. Mit einem Arm umschlang er die Schultern Krümels und zog ihn eng an sich. Der junge Punk hob lächelnd den Kopf und blinzelte Philippe zu. Er ging sehr frei mit seinen Gefühlen und seiner Homosexualität um. Philippe sah seinerseits auch keinen Hinderungsgrund, nicht ebenso offen zu reagieren. Ihm war es nicht unangenehm. Jeder konnte sehen, dass sich zwei Männer ineinander verliebt hatten. Gerade diese Wärme war es, die für ihn in diesem Jahr die Weihnachtszeit zu etwas besonderem erhob; Krümels liebevolle Dankbarkeit.
Deshalb gab Philippe sich alle Mühe, Krümels kindliche Träume zu erfüllen und ihm die Art Weihnachten zu gewähren, die er aus seiner eigenen weit entfernten Kindheit kannte.
Der junge Mann ging mit geschlossenen Augen dicht an ihn gedrängt. Krümel genoss ganz offen den Moment mit der gleichen Lust nach Leben, wie er wenige Stunden zuvor Philippes Gegenwart und seine heiße Haut genossen hatte. Mit unwiderstehlicher Gier trank er das brodelnde Leben um sich, atmete sehnsüchtig die verschiedenen Gerüche ein und verschmolz sie hinter seinen geschlossenen Lidern zu etwas eigenem, was er unauslöschlich für immer in sich tragen würde.
Philippe verstand die Sehnsucht nach Leben und Glück nur zu gut, konnte sie nachempfinden, aber sie berührte schon lange nicht mehr sein Herz. Dazu brauchte er Krümel, der für ihn diese kindliche Erregung ausleben konnte. Er beobachtete Krümels blasses, hübsches Knabengesicht, die nervös flatternden Lider, die ihn an ihren ersten Kuss erinnerte, seine rot gefrorene Nasenspitze und das Lächeln auf seinen vollen Lippen. Vorsichtig strich Philippe ihm mit den Fingern über die Wange bis zu seiner Schläfe und den stacheligen, bunten Haaren, die Krümel in Spikes abstanden.
Ein tiefes, zärtliches Gefühl ergriff Philipps Seele und wärmte ihn. Der schwache Hauch dessen, was Krümel wohl empfand, streifte sein Herz. Er vergaß kurzzeitig, dass ihn all die Menschen störten und er den Weihnachtsgedanken schon lange verloren hatte. In dem friedlichen Gesicht fand er all das, was ihn in der Kälte zu wärmen vermochte. Glück und Liebe.
Langsam hob Krümel die Lider. Er strahlte Philippe an, bevor dieser seinen Aufmerksamkeit von ihm abwendete. Neugierig ließ Krümel seine Blicke schweifen. Er wies über die Dächer der Stände und die Dampfwolken  hinweg zu dem mächtigen Tannenbaum, der jenseits des Marktes vor dem Rathaus stand.
„Wie hoch der wohl ist?“, fragte er leise.
Philippe hob eine Braue. Er schätzte die Tanne ungefähr an der Höhe des Gebäudes.
„Sieben bis acht Meter denke ich“, antwortete er ruhig.
„Für mich geht er direkt bis zu den Sternen“, lachte Krümel. Philippe grinste. Vermutlich reichte der Baum in Krümels lebhafter Fantasie wirklich in den Himmel.
Wie so oft reichte seine Aufmerksamkeit kaum lange genug aus, um sich an der Vorstellung länger aufzuhalten. Er deutete zu den goldenen Gebilden, die zwischen den Verkaufsständen aufragten und in die Nacht hinauf glühten. Vermutlich sollten sie die Wiesbadener Lilien darstellen, oder tatsächlich Sternschnuppen. In Philippes Augen nahmen sie eher die Form verdrehter, vollbeleuchteter Sonnenschirme an. Krümel maß sie mit verträumten Blicken.
„Goldene Blüten“, murmelte er versonnen. „Sie sehen aus, als wären sie vom Himmel gefallen und hier erstarrt.“
Philippe versuchte sich seine Worte bildlich vorzustellen. Allerdings deckte sich Krümels Vorstellung in keinem Fall mit der Realität, zumal unter dem festgetretenen Schnee und den Kabelschienen die Lebensadern der Blüten schlummerten und die Stadt sicher ein Vermögen kosteten. Dennoch tauchten die Sternschnuppen den gesamten Platz in weiches, vorweihnachtlich-heiliges Licht. Die Gefühle erhoben sich angesichts der Szenerie.
Krümel löste sich von ihm. Dort, wo er sich eben noch angelehnt hatte, blieb eine kalte Stelle zurück. Der junge Mann schob sich an ein paar anderen Jugendlichen in seinem Alter vorüber, um vor dem Marktkeller des alten Rathauses an einem Maronenstand stehen zu bleiben. Einige Mädchen und ein paar ältere Herrschaften warteten bereits in einer Schlange, die ständig wieder von anderen Marktbesuchern zerrissen wurde. Der Verkäufer stand in Schürze, Mütze und dicker Jacke über den Rost geneigt, das breite Mondgesicht unrasiert und rot von dem Wechsel zwischen Hitze und Kälte. Er füllte gerade neue Papiertüten, um sie in einem Gitter aufzustellen. Nachdem er einigen Mädchen für eine große Tüte fünf Euro abgenommen hatte, neigte sich hinunter und hob einen Sack mit ungerösteten Maronen an. Die kleinen, dunkelbraunen Früchte rollten aus dem Jutebeutel und sprangen über die Metallstreben des Rostes. Flammen knackten. Funken stiegen auf und legten sich still nieder.
Philippe betrachtete stumm das Bild seiner eigenen Kindheit. Für einen Moment sah er sich selbst als Jungen in der Schlange stehen, die Augen groß, die Wangen kalt und das Herz von Vorfreude bis zum Platzen gefüllt. Er roch den intensiven Duft der Maronen und den Schweiß des Mannes am Stand. Obwohl er keine Handschuhe trug, fühlte er die grobe, raue Wolle farblos grauer Fäustlinge und den dicken Wollschal, den ihm seine Stiefmutter umgelegt und unter dem Kinn verknotet hatte. Er konnte sich kaum vernünftig in den dicken Sachen bewegen, schwitzte sogar ein wenig, obwohl seine Haut eisig war und seine Füße in den Stiefeln schön längst erfroren waren. Seine Zehen nahm er wie etwas fremdes, hölzernes wahr, was nicht zu ihm gehörte. Verwirrt sah er auf und über die Schulter. Automatisch erwartete er, seinen Vater und seine Stiefmutter zu sehen. Aber hinter ihm strömten nur weitere Marktbesucher heran und blieben an den ersten Gebäck- und Weinständen hängen.
Als sein Blick zurück schwang, streifte er das große, altertümliche Karussell, aus dem neunzehnten Jahrhundert; seiner Kinderzeit. Mit den bunt bemalten Figuren und Wagen und den zwei Etagen verblassender Erinnerungen regte sich das Gefühl von etwas lauerndem, bösem, dem er vor so langen Jahren den Rücken gekehrt hatte.
Rasch drehte er sich ab.
„Magst du eine?“, fragte Krümel.
Philippe –jäh aus seinen Erinnerungen gerissen – erschrak. Aus einem Reflex heraus schüttelte er den Kopf.
Enttäuscht betrachtete Krümel ihn. Der Blick löste Schuldgefühle in Philippe aus.
„Sorry, später, mein Kleiner“, entschuldigte er sich.
Krümel hob misstrauisch eine Braue. Seine Piercings zuckten zwischen den feinen blonden Härchen.
„Dann bekommst du die kleinen Handgranaten doch gar nicht mehr auf“, entgegnete er, während er sich eine dampfende Marone zwischen die Lippen schob und sie mit halb offenem Mund, nach kalter Luft ringend, kaute.
Scheinbar hatte er sich mit der Hitze seiner kleinen Spezereien verschätzte. Mit einer Hand fächelte er sich Luft zu.
„Heiß, verdammt!“, keuchte er.
Philippe grinste. „So ging es mir auch oft, als ich klein war.“
Krümel verzog fröhlich die Lippen. „Dann hast du dir sicher mal so den Mund verbrannt, dass du die Dinger jetzt nicht mehr magst, oder?“, fragte er.
„Nicht ganz“, lächelte Philippe. „Damals habe ich mich schlicht an den Dingern übergessen.“
Krümel stopfte sich die Tüte in die Tasche seiner gefütterten Lederjacke und fischte eine Marone heraus, die er erst ein wenig in den Fingern knetete, bevor er die Schale aufbrach.
„Vermutlich haben die Verkäufer dir immer mehr gegeben“, mutmaßte er.
„Richtig“, entgegnete Philippe überrascht. „Woher …“
„Du siehst aus wie ein Engel, mit deinem ebenmäßig schönen Gesicht und den langen goldblonden Locken“, unterbrach Krümel ihn. „Damals als du noch ein Kind warst, wann immer das auch war, musst du ausgesehen haben, wie ein Weihnachtsengel.“
Spöttisch hob Philippe die Brauen. Weihnachtsengel …! Krümel war der einzige Punk mit Hang zu romantischem Kitsch.
„Deine Logik will ich auch mal haben“, grinste Philippe.
Krümel zuckte beleidigt mit den Schultern, bevor er sich die nächste Marone in den Mund schob und wesentlich vorsichtiger darauf herum kaute.
Nach einigen Sekunden antwortete er: „Wann war das eigentlich?“
„Was?“, fragte Philippe.
„Deine Kinderzeit“, erklärte Krümel neugierig, während er sich wieder bei Philippe einhakte und ihn in die Masse zurück drängte, die sich langsam zu dem Hauptportal des Rathauses schob.
Vor den Treppen stand eine Bühne. Zurzeit wechselte die Band. Ein Chor richtete sich gerade mit Notenständern ein und die begleitenden Orchestermusiker stimmten bereits ihre Instrumente, die durch die bittere Kälte ein wenig atonal klangen.
Philippe erinnerte es an den Tag vor einhundertzwölf Jahren. Er schauerte ein wenig. Damals spielte ebenfalls ein Orchester am Vorweihnachtsabend. Dasselbe Karussell drehte sich. Es roch nach Maronen und nasser Wolle; und in dieser Nacht entkam er seinem sicheren Ende nur mit knapper Not.
Seine Lippen zitterten. Er konnte Krümel auf seine Frage nicht antworten; nicht im Moment.
Die Kälte, die ihn ergriff, war das Entsetzen eines Knaben, der in einer damals fremden Stadt ein ungenanntes Opfer werden sollte und den Gedanken über mehr als hundert Jahre unter anderen schrecklichen Erlebnissen verdrängt hatte.
Nun kam das Grauen jener Nacht mit unglaublicher Gewalt zurück.
Jemand stieß unsanft gegen ihn und fluchte.
„Kannst du nicht weiter gehen, Wichser?!“, zischte ein junger Mann und trat Philippe mit Absicht massiv in die Fersen.
Er bemerkte es zwar, ignorierte das Gefühl dennoch. Körperlicher Schmerz konnte ihm wenig bis gar nichts anhaben.
Krümel zog ihn von dem Weg fort, in die Ruhe zwischen der Krippe und einen Schmuck- und Perlenstand, am Fuß der Rathaustreppe.
„Was hast du, Philippe?“, fragte er besorgt und tastete mit seinen krümeligen Maronenfingern über Philippes Wange.
„Ich war 1898 das erste Mal hier, heute vor einhundertzwölf Jahren“, antwortete er leise. Seine Kräfte schienen mit jedem Wort aus ihm heraus zu fließen.
„Ich weiß, dass du im neuzehnten Jahrhundert geboren wurdest“, antwortete Krümel. „Aber dass du schon einmal vor dem Jahr 1911 hier warst, wusste ich nicht.“
Seine Stimme zitterte vor neugieriger Erregung. Er liebte es, Geheimnisse und Erinnerungen seines unheimlichen Geliebten Stück um Stück aufzudecken. Normalerweise ließ Philippe das auch durchaus zu, weil er auf diesem Weg einige schöne Momente noch einmal erleben und genießen konnte. Doch diese Fetzen anderer Tage hielt er nicht vollkommen ohne Grund so tief in sich verborgen, dass er sich selbst nicht mehr zufällig daran erinnern konnte.
„Das ist nicht gut, Krümel. Die Erinnerungen daran sollten nie wieder geweckt werden.“
Die hellen Augen des Punks fixierte Philippes. „Wenn es etwas Schlimmes ist, sollte es umso mehr ausgesprochen werden, damit es dich los lässt“, sagte er mit Nachdruck.
Die Weisheit in den Worten des jungen Mannes konnte Philippe nicht von sich schieben.
Nachdenklich rieb er sich die Nasenwurzel …
Eine Bewegung in seinem Augenwinkel erregte seine Aufmerksamkeit. Unwillkürlich wendete er seinen Blick zu einem Kind, das zwischen Tannenbaum und der Rückwand der Krippe auf den Stufen stand und zu Philippe hinauf sah.
Es war ein kleines Mädchen in einem leuchtend roten Wollmantel. Ihre blonden Haare hingen in gelockten Strähnen auf ihren schmalen Schultern. Eine breite, weiße Schleife erschlug das zierliche Gesichtchen. Das Kind trug Kleidung, wie er sie aus der Zeit zwischen 1910 und 1940 von Kindern kannte. Ihre Füßchen steckten in klobigen Lederstiefeln und unter dem Mantel und dem Rüschensaum eines Kleides verschwanden dicke, hässlich graue Wollstrümpfchen. Aber nicht das allein zeichnete sie als Spuk der Vergangenheit aus. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und glühten wie Kohlestücke.
In der Sekunde drangen die Laute des Orchesters durch die dünnen Stoffplanen der Bühnenbespannung und erfüllte die Luft mit den Anfangsakkorden von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohrs „Stille Nacht“ die Luft.
Etwas in der Musik klang falsch. In den Tönen lag ein fremder, metallener Laut, als würde die Melodie aus einer anderen Zeit herüber wehen.
Mit dem Einsetzen des Chors kehrte auch die Verbildlichung der Vergangenheit zurück.
Philippe kniff fest die Lider zusammen. Er biss die Zähne fest aufeinander und wehrte die Attacke seiner eigenen Erinnerungen ab, die die Grenzen seiner Realität zu verwischen drohten.
Krümel fuhr plötzlich zusammen. Erschrocken öffnete Philippe die Augen. An der angespannten, entsetzten Mimik seines Freundes erkannte er, dass Krümel das Mädchen auch als Geschöpf des Totenreiches sah. Philippe ergriff ihn am Arm und wollte wieder mit Krümel in den Strom der lebendigen Menschenmassen eintauchen. Das Kind allerdings hüpfte die Treppenstufen hinab und rannten los; mitten durch Krümel und Philippe hindurch!
Für einen Moment fühlte es sich an, als erstarre seine Seele und gefröre in der Zeitlosigkeit der Toten! Philippe bemerkte, dass zwischen seinen Herzschlägen eine lange Zeit des Ausharrens lag. Am Rande dieser Erkenntnis bemerkte er das unheimliche, eisige Gefühl, belauert zu werden.
Während der Eishauch des Geisterkindes langsam verflog, blieb in Philippe Schwärze zurück, die böse Vorahnung sich dem zu stellen, das ihn schon einmal hetzte.
In dem Moment löste sich Krümel von ihm.
„Was ist?“, fragte Philippe alarmiert.
„Ich habe eben einen Jungen gesehen!“, rief Krümel aufgeregt. Während er sich weiter hinaus schob, deutete er zu einer Person, die ihnen den Rücken zugewandt hielt.
Philippe folgte ihm. Er konnte selbst noch für einen Herzschlag das hellblonde Lockenhaar und den altmodischen Mantel eines Jungen erkennen, der mit der Menge davon getragen wurde. Erst jetzt realisierte er, dass die Masse Mensch sich ein wenig ausgedünnt hatte. Sie schoben sich nicht mehr wie eine träge Schlange durch die Gassen. Ebenso veränderten sich die Leuchtreklamen der Stände, das aufdringlich lackierte Metall der Händlerwagen und die penetranten Gerüche wichen klarer Kälte und kleinen, gedrungener Buden aus Holz und Glas.
Der Schneefall verdichtete sich. Die Laute der Menschen verklangen in dumpfem Vergessen. Nur die Musik und der schleichende Wandel der Zeiten rückten in den Fokus Philippes. Er konnte sich nicht gegen den Sog der Vergangenheit wehren. Einzig Krümels Hand, die die seine umklammerte, sagte ihm, dass er nicht in das neunzehnte Jahrhundert fortgerissen wurde.
Die Wirklichkeit festigte sich erst wieder, als der Schneefall ein wenig nachließ. Philippe bemerkte sofort die Veränderungen. Die Sternschnuppen aus Draht und LED-Leuchten gab es nicht mehr. Zwischen den Laternen und Ständen spannten sich Bänder mit Tannenzweigen. Hinter den Scheiben den Buden brannten kleine Petroleum- oder Gaslämpchen und in den Auslagen fanden sich Holz- und Blechspielzeuge, Wollwaren, Tuche, Pelze, Geschirr und Glas.
Der Duft nach Tee und Wein lag würzig in der Luft und ein Händler mit Bauchladen bot Karamellen und Kräuterbonbons an.
Kinder umringten ihn. Er gab ihnen in kleinen Papiertüten abgepackte Süßigkeiten aus und sammelte dafür Münzen ein.
Es dauerte einige Sekunden, bis die Mädchen und Jungen zufrieden davon liefen.
Philippe folgte ihnen mit seinen Blicken. Sie waren so real und stofflich, während sie an den Händen von Erwachsenen gingen, die nichts als der Schatten einer lang vergangen Zeit waren. Philippe erkannte von einigen nur vage Umrisse, von anderen, die sich vielleicht etwas von ihrer kindhaften Natur bewahrt hatten, grobe, unscharfe Gesichtszüge. Sie alle trugen die Mode der wilhelminischen Epoche. Sein Herz zog sich zusammen, als er ein Paar an sich vorüberschreiten sah, dass nach französischer Mode gekleidet war. Er glaubte sogar das zimtene Parfum seiner Stiefmutter wahr zu nehmen und den herben Duft nach marokkanischem Tabak, den sein Vater einst so gerne rauchte, bis er starb.
„Was …“, begann Krümel und wendete sich Philippe zu. „Wir sind in der Vergangenheit!“
Philippe senkte die Lider und nickte.
Er musste nicht zu den viel lebendigeren Kindern sehen, um zu wissen, dass auch sie nur ein Hauch einer anderen Welt waren – dem Reich der Toten – die diesen Ort nie verlassen konnten.
„Das ist doch vollkommen unmöglich!“, flüsterte Krümel. In seiner Stimme schwang leise Panik mit.
„Ebenso unmöglich wie ich es bin; ein einhundertviertunzwanzig Jahre alter Mann“, erwiderte Philippe.
Krümel schwieg betroffen.
Behutsam legte Philippe seinen Arm um den jungen Mann und zog ihn an sich.
„Beruhige dich. Wir finden einen Weg zurück.“

Gemeinsam traten sie in den Strom der Schattenwesen hinaus. Die Laute des Marktes und der Gesang mischten sich wieder in ihre Welt. Selbst die Personen um sie herum nahmen an Stofflichkeit zu, ohne jedoch zu einem Teil der Realität zu werden, in der sich Philippe und Krümel befanden. Für andere waren sie unsichtbar. Die Leute umgingen sie, ohne sie wahr zu nehmen.
Dieser Winkel der Wirklichkeit schien – so definierte Philippe es zumindest für sich – zwischen den Zeiten zu schweben, zwischen einer und der anderen Sekunde. Vielleicht sahen die Menschen sie doch, aber nur als geisterhafte Schatten?
Er wagte es nicht, diesen Gedanken auszusprechen. Im Gegensatz zu seinen Worten wusste er nicht, wie er mit Krümel wieder zurück kehren konnte. Vielleicht kam ihm eine Idee, wenn er mit seinem jungen Freund eine Weile über den Markt ging, oder es ergab sich eine Lösung dergestalt, dass sich ihm sein damaliger Jäger offenbarte. Philippe erinnerte sich allerdings auch nicht mehr vollständig an alles. Bilder von Blut und Eisen mischten sich in die Musik, die ihren Weg an diesen Ort begleitete.
Wortlos schritt er mit Krümel im Arm voran. Der Punk zitterte und drängte sich enger an Philippe.
„Es ist unmenschlich kalt hier!“, flüsterte er. Seine Zähne klapperten bei den Worten aufeinander.
Philippe entging es nicht. Er glaubte fast, dass es an diesem Ort lag.
Schützend schlang er seinen Arm fester um Krümel und presste ihn an sich, was das Laufen erschwerte. Es erschien ihm auch als klüger. Krümel musste unter all den Erinnerungen an menschliches Leben wie ein gleißendes Leuchtfeuer strahlen. Vielleicht konnte er ihn mit seinem eigentümlichen Nichtleben überdecken und beschützen.
An dem seelenvollen jungen Mann lag ihm so unendlich viel. Er wollte ihn für immer bei sich behalten und ihn behüten. Krümel besaß die gleißend helle, unzerstörbare Fröhlichkeit eines Kindes, die Philippe vor so unendlich langen Jahren abhanden gekommen war. Allein dafür liebte er den jungen Mann mehr als er es ertragen konnte. Er musste dieses Geschöpf einfach bewahren und ihn für immer glücklich wissen!
Während sich Philippe in den Labyrinthen seiner Gefühle und Gedanken verirrte, schlich unaufhaltsam etwas Lauerndes am Rande sein Bewusstseins entlang. Er konnte es bislang ausblenden, doch langsam erwachte in seinem Nacken die Nervosität des Gehetzten. Schauer rannen über seine Wirbel. Er sah nervös über die Schulter, erkannte aber nur ein paar der Geisterkinder, unter denen sich auch das Mädchen mit dem roten Mantel aufhielt.
Krümel versteifte sich plötzlich in seinem Arm.
„Wir werden beobachtet!“, hauchte er.
„Ja“, entgegnete Philippe leise, während er zu Krümel blickte.
Er spannte sich und sah sich erneut um. Noch mehr Kinder huschten am Rande der Schatten zwischen den Marktbuden umher. Ihre Gesichter waren bleich und die tiefliegenden Augen glommen wie Höllenfeuer.
„Sie umzingeln uns“, flüsterte Krümel.
Philippe schluckte hart. Er erinnerte sich, dass es ihm damals auch nicht anders ging. Er spürte ihre Blicke in seinem Nacken und fühlte die eisige Luft, die wie Lava in seinen Lungen brannte, als er losstürmte, um ihnen zwischen den Ständen zu entkommen!
Bevor er die Fetzen seiner Erinnerung gänzlich abstreifen konnte, löste sich Krümel aus seinem Arm. Der Junge ergriff seine Hand und stürzte mit ihm los.
Philippe ließ sich einige Sekunden lang mit ziehen. Er erkannte viele der Ecken und Winkel wieder.
Ihm entging nicht, dass sich die Schatten vertiefen und dunkle Nebel aufstiegen, um sich an einigen Stellen zu etwas bizarr stofflichen zusammenzuballen.
Er war da! Philippe spürte die grausame Aura!
Plötzlich wuchs aus einer Nische zwischen den Buden ein Mann aus der Dunkelheit! Er war bis zu den Augen geschützt durch seinen schneenassen, schweren Kutschermantel und einen Schal, in dem Eiskristalle glitzerten. Weiße Haare wehten nebulös in dem kalten Wind, der durch die Gasse pfiff und Philippe kurz die Sicht nahm, als seine langen, offenen Locken in seine Augen trieben.
Einen Herzschlag später brach sich das fahle Licht einer Straßenlampe auf der geschliffenen Klinge eines Fleischermessers! Schwärze ging von der rostigen Klinge aus. Philippe konnte es nicht anders beschrieben. Diese Waffe sog das Licht und das Leben in sich auf.
Krümel gab einen krächzenden Schrei von sich, als er auf dem Schnee versuchte rechtzeitig zum stehen zu kommen.
Philippe schlug einen Haken und riss Krümel unsanft hinter sich her.
Am anderen Ende der Gasse versperrte der Karamellenhändler ihnen den Weg. Ihn umringten einige der Kinder. Ihre furchtbaren Höllenaugen bohrten sich in Philippes.
Er wich nicht aus oder blieb stehen. Krümel stieß einen hellen, fast unmenschlichen Schrei aus. Es klang wie ein Laut äußerster Angst.
Philippe dachte daran, wie das Geistermädchen durch sie hindurch geglitten war.
Umso mehr erstaunte es ihn, dass die Kinder plötzlich wie ein Wesen herum fuhren und davon stoben. Einzig der Händler blieb zurück. Aber auch er sprang zur Seite, als Philippe mit Krümel an ihm vorüber stürmte. Der Schwung trug sie auf den freien Platz vor dem Karussell, das im Schatten des Lyzeums und der Marktkirche stand. Nebulöse Gestalten wichen zurück und verwehten in der Nacht, nur um sich wenige Meter versetzt wieder zu geisterhafter Substanz zusammenzusetzen.
Aus dem Augenwinkel sah er einen blonden Jungen, der von den Kindern, die ihnen eben noch den Weg vertraten gehetzt wurde.
Mit einigem Schrecken wurde Philippe klar, dass die Kinder ihnen nicht auswichen, sondern ein leichteres Opfer gefunden hatten!
Der Knabe verschwand aus seiner Sicht in den Schatten der majestätischen Marktkirche, verfolgt von winzigen, untoten Monstern.
Die Erinnerung traf Philippe mit unsagbarer Gewalt. Er strauchelte und fing sich gerade noch, bevor er stürzte.
Krümel prallte keuchend gegen ihn und klammerte sich an seiner Taille fest.
„Das war doch wieder …“, er rang  nach Atem, „der Junge, den ich … gesehen habe!“
Philippe sah über die Schulter in die Gasse zurück.
Er erwartete fast den Mann in seinem Kutschermantel zu sehen! Wie auch der Bonbon-Händler hatte sich dieses Wesen zurück gezogen und lauerte. Vielleicht war er sogar schon wieder dort, wo er die Kinder hinlockte, um sie zu töten!
Er sah zu Krümel, der ihn irritiert beobachtete.
„Siehst du den Jungen denn nicht?“, fragte er gereizt.
„Doch“, entgegnete Philippe nervös. „Begegnen sollte ich ihm nur nicht.“
„Warum?“, fragte Krümel, während er sich sichernd umsah.
„Der Junge bin ich.“

Philippe schloss kurz die Augen. Der Chor sang gerade: Macht die Tore weit. Er entsinnte sich, dass die Kinder ihn damals um die Kirche hetzten und ihn an dem Karussell in die Enge trieben.
‚Das Karussell! Der innere Korpus ließ sich öffnen!’, erinnerte er sich. ‚Darin schlachtete er die Kinder ab!’
Ohne länger darüber nachzudenken ergriff er die Hand des verwirrten Punks und zog ihn mit sich.

Zu vollkommen anderer Musik drehten sich die verwaisten Figuren, Schlitten und Wagen.
Das Kettenwerk klapperte atonal im Inneren des Karussells, während eine Dampforgel die stampfende Melodie einer Walze abspielte. Philippe schauderte bei den Lauten. Er sah sich genauer um.
Der Lack der Figuren blätterte langsam ab. Pockennarbig starrten die Köpfe der Pferde und Rehe zu ihnen. Im Licht- und Schattenspiel der Gaslampen gewann die Szenerie an dunklem, boshaftem Leben. Obwohl die Puppen nur aus bemaltem Holz bestanden, glaubte Philippe, leichte Bewegungen in den starren Körpern wahr zu nehmen. Er schauderte unter dem Anblick.
Krümel ergriff ihn am Arm.
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich höre die Kinder heranstürmen.“
Philippe verstand seine Warnung.
Er sprang die drei Stufen zu der unteren Ebene der Drehscheibe hinauf und hielt sich an einer Stütze des Baldachins fest. Das rotweiß lackierte Holz und das goldene Messing strahlten unmenschliche Kälte aus. Rasch griff er nach dem nächst stehenden Pferdekopf, nur um sich in die zweite Reihe aufgespießter Karusselltiere zu bewegen. Die Figuren hoben und senkten sich in fast lasziven Bewegungen. Eine gewisse Perversität ging davon aus. Aus dem Knarren und Ächzen des Holzes hörte Philippe das Stöhnen eines Lebewesens heraus. Eisige Kälte rann über seinen Rücken. Er betrat vorsichtig die innere Drehscheibe. Plötzlich begann sich das Karussell schneller zu drehen! Philippe zuckte zusammen und sah sich um. Die Geschwindigkeit nahm rasend zu. Ihm fiel es immer schwerer, sein Gleichgewicht zu halten.
Die Zentrifugalkraft trieb ihn im ersten Moment gegen eines der Pferde. Ihm wurde schwindelig, wie auch damals. Er musste sich fest halten. Für einen Moment schloss er die Lider und konzentrierte sich, bevor er sich erneut umsah. Die Welt außerhalb des Karussells drehte sich in rasender Geschwindigkeit. Bildfetzen schwammen vorbei, ohne dass er sie optisch ergreifen konnte. Vage entfernt glaubte er immer wieder Menschen in unterschiedlichen Trachten und Gewändern aus verschiedenen Epochen wahrzunehmen, konnte sich aber nicht sicher sein. In ihm sträubte sich alles gegen diesen unerträglichen Anblick. Er spürte, wie ihm schlecht wurde. Schließlich riss er sich davon los und sah sich nach Krümel um. Ihm war vollkommen entgangen, ob sein junger Geliebter ebenfalls den Sprung hier her wagte.
„Krümel?“, rief er.
Seine Antwort blieb aus.
„Krümel! DAVID!“
Philippes sonst ruhige Stimme steigerte sich. Er bemerkte den schrillen Unterton der Panik darin, konnte ihn aber nicht unterdrücken. Vielleicht stand er noch dort unten?! Philippe sammelte sich und unterdrückte die Angst, die in ihm zu einem erstickenden Monstrum anwuchs.
Er schritt unsicher zwischen den sich rasch auf und ab bewegenden Holztieren über die Plattform. Noch gab es die Möglichkeit, dass er an anderer Stelle aufgesprungen war. Trotz des rasenden Tempos der Drehscheibe gewann Philippe nach einigen Sekunden eine gewisse Sicherheit zwischen den Figuren. Sie bewegten sich in einem für ihn berechenbaren Takt. Mit dieser Sicherheit gelang es ihm, ein bisschen schneller auszuschreiten, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
Er umrundete die Ebene bis zu der Stiege, ohne jedoch auf Krümel zu treffen. Erneute Angst ergriff ihn.
Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Unstet irrte sein Blick über die Ebene, bis er an dem Kernstück, dem Maschinenraum der Karussells, hängen blieb.
Philippe erkannte in den bemalten Holzplatten deutlich die Fugen der Türe, die unter der Treppe zu der zweiten Etage verborgen lag. Konnte es sein, dass dieses Geschöpf, was hier lebte, Krümel in seinen Fängen hielt?
Der Gedanke erschütterte Philippe. Mit beiden Händen klammerte er sich an das Geländer der verzierten Leiterstiege. Sein Herz raste plötzlich vor unbezwingbarer Angst um seinen Freund! In seinem Hals ballte sich ein harter Klumpen zusammen, der ihn zu ersticken drohte.
Er spürte, wie aus seiner Angst Zorn erwuchs. Seine Fäuste ballten sich um das eisige Metall, das sich unter seinen Fingern zu deformieren begann, bis die Knöchel fahl hervor stachen. Seine Zähne mahlten aufeinander. Aus seinen schmalen Fingern wuchsen Klauen. Kraft kehrte in seinen Körper zurück.
Das rasende Tempo des Karussells konnte ihm nichts mehr anhaben. Im Gegenteil schien es ihm eher Schwung zu verleihen. Alles in seinem Leib spannte sich, um an dem Geländer vorbei durch die Türe zu brechen.
Stimmenfetzen hielten ihn zurück. Philippe fuhr herum und erkannte, dass die Plattform an Geschwindigkeit verlor. Die Welt zwischen den Sekunden wurde wieder klarer. Im Schnee erkannte er einen blonden Jungen, der sich nah an Krümel drängte. Das Bild verschwand so rasch, wie es kam. In der nächsten Umdrehung lag in Krümels Hand der schwere Kettengürtel, den er bislang um die Hüften trug. Er schwang ihn gegen die Kinder, die die beiden jungen Männer umringten.
Philippes kindliches Alterego wich zurück. Es schien ihm fast, als wisse der Junge nicht, wen er mehr fürchten solle; Krümel oder die Leichenkinder.
Die Drehung der Plattform riss das Bild von Philippe fort, bevor die Szene erneut in sein Sichtfeld rückte. Er bemerkte, dass sein jüngeres Selbst nach einer der rotweiß ziselierten Holzstützen auf der Etage griff und sich daran hoch zog. Krümel schlug im gleichen Augenblick einem der Kinder –dem Mädchen mit dem roten Mantel – die Ketten in das verzerrte Dämonengesicht. Philippe dachte nicht mehr daran, sich vor einer Begegnung mit dem Jungen, der er einst war, zu schützen. Viel mehr fuhr er nach vorne. Er umklammerte eine der Stützen und ergriff nach der nächsten Drehung Krümels Arm, um ihn zu sich zu ziehen. Keine Sekunde zu spät, wie er feststellen musste. Die Szenerie änderte sich. Im Schnee lag das blutende Kind, von Krümel niedergeschlagen, während seine Gefährten auf den jungen Mann eindrangen, vollkommen ungeachtet was er gerade mit einem der ihren getan hatte.
Krümel stieß einen spitzen Schrei aus, als er den Boden unter den Füßen verlor. Er wehrte sich blind gegen Philippe. Offenbar erkannte der Punk ihn im ersten Moment nicht.
„Ich bin es!“, rief Philippe.
Erst die Worte, vielleicht auch nur der Klang seiner Stimme, beruhigten den jungen Mann. Seine Gegenwehr ebbte ab und verschwand vollkommen, nachdem ihn Philippe in die Sicherheit der Plattform brachte.
Krümel fuhr in den Armen seines Geliebten herum und umschlang Philippe fest. Seine Wangen glühten vor Anstrengung. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Philippe hörte den rasenden Herzschlag des jungen Mannes. Krümels Atem ging stoßweise und kondensierte in weißen Dampfwolken vor seinen Lippen.
„Philippe!“, keuchte er. Der Laut erstickte sich in der festen, ängstlichen Umarmung, die Philippe erwiderte.
Viel Zeit blieb ihm nicht. Viel mehr drang ein mahlendes Geräusch aus dem Inneren des Karussells. Die Ketten klirrten innen gegeneinander und irgendetwas in der Mechanik setzte sich scheppernd wieder in Bewegung, während die Zentrifuge sich kreischend in Bewegung setzte.
Krümel krallte sich an Philippe fest.
„Wo ist der Junge?!“, hauchte er. Eisige Starre erfüllte seine Stimme.
Philippe wusste die Antwort, konnte es allerdings nicht aussprechen. Hinter ihm hörte er, wie sich die Türe des Maschinenraums öffnete.
Eilig drängte er Krümel die Stiege hinauf, um wenigstens ihn vor dem Kinderjäger zu bewahren, während er ihm rasch folgte.
Noch bevor er die obere Eben des Karussells erreichte, trat der weißhaarige Mann in seinem alten, zerschlissenen Kutschermantel aus dem Inneren des Karussells. Er hob kurz den Blick. Tief in den Höhlen liegende Augen, deren Iris fahl blau war, bohrten sich in die Philippes.
Der Schal, den er vor Mund und Nase gezogen hielt, glitt herab und gab das beinah gütige Antlitz eines hageren, alten Mannes frei. Er sah bedauernd zu Philippe. Sachte schüttelte er den Kopf. Sein Bart zuckte leicht, als sich seine Lippen bewegten. Durch den rasenden Fahrtwind rissen die Worte von seinen Lippen. Schließlich senkte er den Blick wieder und schleppte sich gebeugt aus der Türe. Mit vollkommener Sicherheit, die seine schwerfälligen Bewegungen Lügen straften, schlich er aus den Schatten hinaus auf die drehende Plattform. Philippe beobachtete ihn, bis er aus seinem Sichtfeld verschwand.
„Ich sehe ihn!“, rief Krümel, der sich an einer der Gondeln vorbei zur Balustrade geschoben hatte.
Philippe fuhr herum.
„Wen?!“, fragte er verwirrt.
„Den Jungen!“, entgegnete Krümel mit einem Blick über die Schulter.
Vor Philippes innerem Auge erschien die kleine Kutsche, in deren Ecke sich sein jüngeres Selbst kauerte. Er spürte sogar noch das brüchige, grüne Leder unter seinen Fingern.
„Warne ihn!“, entgegnete Philippe aus einem Impuls heraus.
Er wendete sich wieder ab. Sein jüngeres Selbst dürfte ihn nicht sehen. Jetzt musste er seinem Geliebten vertrauen.
„Hey, Kleiner!“, brüllte Krümel, während er sich über die Balustrade der ersten Etage neigte.
Philippe wusste, dass der Junge in dem Augenblick hinauf sah, direkt in das von der Anstrengung gerötete Gesicht Krümels. Er erinnerte sich daran!
„Lauf weg! Der Kerl mit dem Messer hat dich gleich!“
Er spürte den eisigen Schrecken und die aufwallende Panik, die die Glieder des Jungen kurzzeitig lähmten. Zugleich sah er durch seine Augen den freundlichen alten Mann, der den Preis für die Fahrt einforderte …
„Tritt ihm gegen den Arm!“, zischte Philippe. Er klammerte sich mit beiden Händen an dem Geländer fest.
„Tritt ihn!“, gab Krümel die Anweisung ungefiltert weiter.
Philippe musste dem Jungen helfen. Er spannte sich zum Sprung.
In dem Moment fühlte er den Impuls des Jungen, während er seine Beine an den Leib zog. Ein Gemisch aus Schrecken und Verwirrung durchflutete ihn. Es waren die Gefühle des Knaben aus der Vergangenheit. Während der Junge seine Füße nach vorne stieß, dem Mann entgegen, glaubte Philippe morsche Knochen zu hören, die unter seinem Stiefel nachgaben. Aus den Augen seines kindlichen Selbst sah er, wie der Alte gegen den Kern des Karussells taumelt. Im gleichen Augenblick federte er hoch. Im Gegensatz zu seinem Alterego krallte Philippe sich in das Geländer und wartete. Der Junge stürzte kopflos über die untere Plattform. Immer wieder wagte er sich an den Rand, die Stufen in die Wirklichkeit. Aber das irrsinnige Bildergewirr um ihn raubte ihm den Mut zu dem Sprung durch die Zeit. Vielleicht endete er unter den Leichenkindern, aber niemand konnte schlimmer sein, als dieses Geschöpf, das das schwarze Herz dieses Ortes war!
„Spring“, flüsterte Philipp. „Hab den Mut!“
Tatsächlich spürte er das aufmerksame Lauschen. Der Knabe nahm ihn wahr, wusste, dass ihn jemand führte und ihm Mut und Kraft gab. Erneut umklammerte er die Stütze des Baldachins, um nach unten zu spähen. Philippe spürte sein rasendes Herz. Alles in ihm verkrampfte sich durch die Angst des Jungen.
Er fühlte sich selbst gehetzt, erwartete in jeder Bewegung das Geschöpf zu sehen, was auf seine Seele lauerte. Starb der Knabe, würde auch er sich unweigerlich auflösen. Diese Gewissheit versuchte er seinem Alterego zu übermitteln.
Krümel blieb neben Philippe stehen. Er verfolgte genau den Weg des Jungen.
„Spring endlich ab, du Spinner!“, brüllte er panisch.
Der Knabe fuhr herum und sah einen Herzschlag lang hinauf.
Philippe wich zurück, bis sein Gesicht vollständig in den Schatten des farbigen Baldachins verschwand.
Dennoch spürte er das Entsetzen des Jungen, der für einen Herzschlag seine erwachsene Erscheinung erkannte!
Entsetzt schloss Philippe die Augen. Er wusste nicht, was passieren konnte, wenn er innerhalb eines Zeitparadoxons auf sich selbst traf. Grundsätzlich konnte es allerdings nur in einer Katastrophe enden. Das tiefe, erschütternde Mahlen aus dem Inneren des Karussells bestätigte seine Befürchtungen. Die gesamte Konstruktion bebte und bäumte sich auf, nur um zurückzusacken. Gondeln und Wagen brachen aus ihren Verankerungen. Die Stangen der Pferde und Rehe lösten sich. Einige brachen in sich zusammen, andere verkanteten sich zwischen erster Ebene und Baldachin. Funken stoben auf, als scharfkantiges Metall über den Innenrost kratzten.
Philippes jüngeres Selbst hatte sich zusammengekauert und krallte sich entsetzt in die Holzdielen der unteren Etage.
Plötzlich schob sich Krümel an Philippe vorüber und sprang die Stufen der Leitertreppe hinab.
Im gleichen Moment bäumte sich der Boden unter Philippe. Er konnte sich festklammern. Das Beben wollte nicht aufhören. Entsetzt spähte er hinab.
Sein Freund fing sich gerade rechtzeitig und klammerte sich an einer der Figuren fest. Ein weiterer Stoß riss ihn fast von den Füßen. In letzter Sekunde fing er sich wieder.
Der Schatten des Alten erhob sich drohend über dem jungen Punk, ohne dass er den Mann bemerkte. Der junge Philippe schrie eine Warnung, die Krümel nicht recht verstand. Schließlich federte der Junge nach vorne und riss Krümel mit sich.
Heftige Stöße durchfuhren das Konstrukt aus Holz und Eisen. Philippe hörte, wie einer der Träger splitterte und Metall riss.
Er konnte nicht länger warten. Was immer innerhalb dieses Zeitparadoxons passieren würde, er musste eingreifen!
Sein junges Selbst klammerte sich mit Krümel an das Geländer der Stiege, während das Karussell noch stärker unter ihren Füßen bebte. Der Schatten des Alten gewann an Stofflichkeit. Aus diffuser Substanzlosigkeit gerann ein vage menschliches Geschöpf, dessen Mantel und Schal in Nebelschwaden und Rauchfäden endeten. Er erhob seine Hände. In einer davon zuckte das Messer auf.
In der Sekunde sprang Philippe von oben herab. Er strauchelte und fing sich gerade noch rechtzeitig. Der Stich sollte sein jüngeres Selbst treffen, streifte aber ihn. Wolle zerriss über seinem Arm. Die Klinge fuhr über seine Haut und hinterließ einen dünnen, brennenden Schnitt.
Fast erwartete Philippe, die Wunde würde sich gleich wieder schließen, wie es ihm bei allen normalen Waffen erging. Allerdings trat das Gegenteil ein! Brüllender Schmerz ballte sich in seinen Muskeln und explodierte. Blut spritzte über Wand und Leiter.
Philippe blieb keine Zeit, sich darauf zu konzentrieren. Er schob die körperlichen Empfindungen weg.
Dicht hinter sich spürte er Krümel, der sich mit einer Hand an ihn klammerte.
„Lauft!“ schrie Philippe, während er sich nach der Waffenhand seines Gegners griff.
Krümel ließ ihn los. Gleichzeitig fuhr Philippes Hand durch den Alten hindurch, ohne auf Substanz zu stoßen. Doch die Waffe nahm sofort wieder Stofflichkeit an. Philippe sprang zurück, dennoch streifte ihn die Waffe über Brust und Bauch. Die rostige Klinge fuhr durch seine Kleider, als seien sie nicht da.
Gleißend explodierte der Schmerz auf seiner Haut.
Philippe wurde durch eine weitere Erschütterung nach hinten geschleudert, aus der Reichweite seines Gegners. Unsanft prallte er in eines der umgestürzten Karusselltiere. Angespitztes Holz stach in seinen Rücken. Zeit blieb ihm nicht, sich darüber Gedanken zu machen. Mit einem unmenschlich schnellen Satz folgte ihm sein Gegner nach.
Philippe federte auf die Füße und machte einen Satz zurück. Er umklammerte die Metallstange eines anderen Holztieres, das noch in seiner Position saß, mit der Linken. Das Rohr drehte sich leicht in der Aufhängung. Philippe nutzte es, um Schwung zu holen und seinem Gegner mit aller Gewalt den Fuß vor die Brust zu stoßen.
Als sein Stiefel den Alten traf, fand er Substanz. Das Geschöpf wurde hart zurückgetrieben und schlug in die Treppe zur oberen Etage ein. Mit unsäglicher Gewalt riss es die unteren Sprossen herab und begrub sie unter sich.
Philippe setzte ihm nach. Er spürte, wie ihn der Kampfrausch ergriff und mit Euphorie erfüllte. Wenn bislang die Karten ungerecht verteilt schienen, so konnte er sich sein eigenes monströses, unsterbliches Dasein zu Nutzen machen.
Fänge und Zähne verstärkten sich. Mit kaum menschlicher Geschwindigkeit stürzte er sich auf seinen Gegner. Die fahl blauen Augen des Alten weiteten sich erschrocken, als Phillippe ihm die Klauen in den Körper stieß. Plötzlich zog sich das Geschöpf zu einer nebulösen Erscheinung zusammen und verwehte.
Philippe schrie zornig auf.
Schwarzes Blut troff von seinen Händen auf das lackierte, bunte Holz. Sofort fuhr er hoch und sah sich um. Sein Gegner war verschwunden. Auch Krümel und sein jüngeres Selbst entdeckte er nicht mehr.
Am Rande nahm er wahr, wie das Beben unter seinen Füßen langsam nachließ und schließlich ganz aufhörte.
Waren Krümel und sein Alterego demnach fort und in Sicherheit? Die Verbindung zu dem Knaben konnte er nicht mehr aufbauen.
Langsam ließ er seinen Blick über die sich bewegenden Figuren gleiten. Das Paradoxon hatte ihnen übel zugesetzt. Zudem entdeckte er in Boden und Kernwand Risse, die zuvor nicht dagewesen waren.
Philippe sah nach draußen. Um ihn flirrte immer noch der Zeitstrudel. Das Knarren der Türe zu dem Inneren des Karussells erregte seine Aufmerksamkeit. Dunkle Spuren Blutes und herab gebrochene Stücke nebulös schleimiger Substanz führten unter den Ruinen der Treppe durch die Türe in das dunkle Innere.
Zu Philippe wehte plötzlich unerträglich süßer Gestank herüber, in den sich verschiedene andere Aromen mischten. Es war eine Mischung aus Blut, Verwesung, Säure, Öl und Metall. Krümels Duft mischte sich darunter, genau so wie der Hauch des Parfums, was sein Alterego trug.
Er schloss die Lider und witterte.
Die Quelle der Gerüche kamen aus dem Inneren des Karussells!
Philippe riss entsetzt die Augen auf.
Mit einem Sprung erreichte er die Türe und schob sich durch den niedrigen Eingang. Dunkelheit und klamme Hitze umfing ihn. Es fühlte sich an, als würde ihn etwas widerlich Lebendiges aufnehmen.
Trotz seiner guten Raubtieraugen blieb es ihm verwehrt mehr zu sehen, als ein normaler Mensch. Das Licht von Außen drang nicht besonders weit in den Maschinenkern. Vage konnte er erkennen, dass sich vor ihm ein gewaltiges Räder- und Kettenwerk um eine genarbte Kernstange bewegte. Die Hitze stieg von dem Metall aus. Der Geruch nach Öl stammte von der gefetteten Mechanik. Zähflüssig rann etwas an der Nabe herab. Philippe erkannte den Geruch sofort. Blut!
Übelkeit stieg in ihm auf. Er würgte kurz, presste dann aber die Hand gegen die Lippen. Schwächen konnte er sich nicht erlauben! Sein Blick glitt durch die Kammer. Eine schmale Wendeltreppe führte um den Kern hinab. Wie damals fragte sich Philippe, wohin dieser Schacht führte. Dieses Mal musste er ihn gehen, gleich was passieren würde. Die Angst um Krümel zog sein Herz zusammen.
Er trat den Weg nach unten an.

Das Maschinenwerk reichte schier unendlich in die Tiefe. Das Rasseln der Ketten, die sich unablässig wie ein Zahnriemen bewegten, begleitete ihn, bis er das Geräusch ausblendete. Die Stufen unter seinen Stiefeln bestanden aus Holz. Er wollte zu dem dick verkrusteten Belag darauf lieber keine Rückschlüsse ziehen. Dennoch musste er einige Male aufpassen, wohin er trat. Öfter glitt sein Fuß weg. Es gelang ihm immer nur im buchstäblich letzten Moment, sich an der Wand festzuhalten. Zur Mitte hin war die Konstruktion nicht gesichert. Ein Sturz in die Maschine, wäre auch Philippes sicherer Tod. Trotzdem eilte er weiter hinab.
Nach einer unmessbaren Zeitspanne verlangsamte Philippe seine Schritte ein wenig. Ein Anflug von Hoffnungslosigkeit ergriff ihn. Aber allein der Gedanke, dass Krümel etwas zustoßen konnte, vertrieb das Gefühl so schnell, wie es kam.
Noch immer nahm er den Duft seines Geliebten wahr, in den sich das Parfum mischte.
Rot flackernder Schatten zuckte über die Wände und erregte Philippes Aufmerksamkeit. Er versuchte seinen Schritt zu verlangsamen und stolperte die letzten Stufen hinab, bevor er sich wieder an der Wand abfangen konnte. Für einen Moment verharrte er, um das Licht einordnen zu können. Die Quelle lag irgendwo unter ihm, im Zentrum dieses verfluchten Ortes. Der Gestank nach Verwesung nahm stetig zu.
Ohne weiter zu zögern, setzte er mit weiten Sprüngen die Stufen hinab.
Von einem Moment zum Anderen endete die Treppe auf einer Plattform, die von dicken, rostigen Ketten getragen wurde. Sein eigener Schwung trug ihn um ein Haar über die Begrenzung hinaus. Verzweifelt klammerte er sich an die Trägerkonstruktion und zog sich zurück. Sein langes Haar fiel über Schultern und Oberkörper. Schmerzen schossen durch die verletzten Stellen an Arm und Brust. Zitternd und erschöpft strich er sein Haar zurück und orientierte sich flüchtig.
Diese Plattform war Teil einer Hängebrücken- und Leiterkonstruktion. Nirgendwo gab es ein Geländer. Lediglich hauchfeine Vorhänge, die an ausgedünnte Hautfetzen erinnerten, bewegten sich zwischen den einzelnen Ebenen.
Sein Auftritt konnte nicht unbemerkt geblieben sein. Die gesamte Konstruktion schwang unter ihm nach.
Philippes Blick richtete sich nach unten. In der Tiefe, gut fünf Meter unter ihm, flackerten Feuer aus dem Boden heraus. Hitze, die aus der Hölle zu kommen schien, versengte seine Haut. Der Boden erinnerte an Kopfsteinpflaster, dass in Schieferplatten über ging. Offenbar diente der Belag als Sickerbecken. An vielen Stellen hatte sich schwarz geronnenes Blut abgesetzt.
Erneut würgte er. Mit zusammengebissenen Zähnen verdrängte er die Vorstellung und spähte hinab. Philippe überlegte einen Moment, ob er den Sprung hinab überstehen konnte. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Unter seinen Füßen bewegte sich die Plattform sachte. Er fuhr herum. Aus den Schatten und Nebeln materialisierte das Monstrum. Sein Messer schimmerte in dem diffusen Vulkanlicht.
„Engelsgesicht“, flüsterte eine Stimme, deren Klang wie Glas und rostiger Stahl war.
Philippe biss die Zähne zusammen und ließ sich nach hinten fallen.

Der Aufprall zerschmetterte die Knochen seiner Füße und Unterschenkel. Dennoch setzte sich sein Körper umgehend wieder zusammen. Philippe ignorierte den Schmerz, so weit er konnte. Er richtete sich langsam auf und sah sich um. Sein Blick huschte herum und verfing sich an bizarren Skulpturen, die im ersten Moment wie skelettierte Engel und gehörnte Geschöpfe aussahen. Von ihnen ging der Säuregestank aus.
Viel Zeit blieb ihm nicht, sich umzusehen. Schwarzer Nebel sank von oben herab und hüllte ihn ein. Mit einem Sprung setzte er zurück. Einen Herzschlag später fuhr die Klinge an ihm vorüber.
„Du bist besser geworden, Engelsgesicht!“, brüllte der Alte mit überschnappender Stimme.
Philippe ließ sich zurückfallen und rollte über die Schulter ab, um sofort wieder auf die Füße zu Federn. Erneut riss der Schmerz an ihm. Der Geruch nach Krümel war hier so präsent! Allerdings konnte er seinen Gegner nicht aus den Augen lassen.
Der alte Mann materialisierte sich nur immer partiell. Philippe blieb nichts anderes übrig, als ihm auszuweichen, bis er eine Schwachstelle in seiner Deckung fand.
Immer wieder fuhr das Messer gegen ihn nieder. Jedes Mal wartete er bis zur letzten Sekunde, um zurückzufedern. Seine Fähigkeiten halfen ihm ungemein dabei. Tatsächlich erkannte er sogar ein Schema in den Hieben und Stichen. Vielleicht konnte er das gegen den Alten verwenden!
Jedes Mal, wenn er nach Links auswich, nahm das Monster mehr Stofflichkeit an! Schon einmal war es ihm gelungen, seine Deckung zu durchbrechen und ihn zu verletzen!
Dieses Mal visierte er das Herz seines Gegners an.
Er ließ den nächsten Stich durch. Die Klinge drang tief in seinen Bauch ein. Der Schmerz explodierte so heftig, dass ihm fast die Sinne schwanden. Aber die Angst verlieh ihm zusätzliche Kräfte. Mit einer Hand umklammerte der den Arm des Geschöpfes, zog ihn sogar noch näher an sich heran, während er mit der Anderen in seine Brust stieß. Er war wie von Sinnen vor Schmerzen. Seine Instinkte begannen seinen Verstand zu überrennen. Er spürte eine unerträgliche Gier nach Blut!
Ohne noch recht zu wissen, was er tat, schloss sich seine Hand um das Herz des Monsters. Er riss es mit der Leichtigkeit eines Vampirs aus dem Körper.
Schwindel überflutete seine Sinne. Taumelnd stolperte er zurück und hielt das noch immer schlagende Herz hoch. Blut rann über sein Handgelenk in den Ärmel seines Mantels. In seinem Mund sammelte sich Speichel. Die Lust nach der schwarzen Flüssigkeit wurde zu brennender Gier, die in seinen Eingeweiden tobte und seine Sinne umnebelte. Er wollte es trinken, das vergammelte alte Fleisch verschlingen …
„Philippe!“
Krümels panische Stimme zerriss den roten Schleier, der sich über seinen Geist gelegt hatte.
Er fuhr herum und wich zurück. Das Wesen lebte noch! Es materialisierte, flackerte und stürzte auf ihn mit erhobenem Messer zu. Philippe wich ihm aus. Der Alte stolperte und stürzte schwer zu Boden. Sein schwarzes Blut sickerte in die Ritzen der Steine.
Die Waffe fiel ihm aus den Fingern. Mühsam versuchte er, sich wieder aufzurichten, brach aber sofort in die Knie. Er starb, realisierte Philippe. Dennoch bäumte der Alte sich auf. Dieses Wesen konnte und wollte nicht aufgeben!
„Ich brauche dein Leben!“, keuchte er. „Gib mir dein unsterbliches Leben für meine Klinge! Sie muss mächtiger werden …“
Philippe betrachtete ihn. Alle Monstrosität wich aus dem alten, dürren Mann, dessen Leben schon viel zu lang andauerte.
Langsam trat er zu einem der Flammenlöcher.
„Nein“, entgegnete er erzwungen ruhig, während er das Herz los ließ. Der pochende Fleischklumpen fiel in das Feuer. Philippe sah zu, wie es langsam verschmorte. Noch immer schlug es. Was gab ihm diese Kraft? Waren es die Leben der Kinder, die alle keine Menschen waren, oder die Macht der Klinge, die erschaffen wurde, um unmenschliche Wesen zu vernichten?
Eine zischende grüne Stichflamme ließ ihn zurück fahren. Gleichzeitig wirbelte er herum und starrte das Wesen an. Es brannte von innen heraus in demselben giftig Licht. Kein Laut kam über seine Lippen, obgleich der Schmerz unerträglich sein musste.
Der alte Mann starb, daran gab es keinen Zweifel mehr.
Philippe sah sich um. Er suchte nach Krümel … und seinem Alterego. Nah der Skulpturen regte sich etwas. Der Punk straffte sich und nahm den Mantel des jungen Philippe von den Schultern.
„Wo ist …“, begann Philippe verwirrt.
„Ich habe mir seinen Mantel geschnappt, bevor ich ihn vorhin vom Karussell geschubst habe, um den Alten von dir wegzulocken“, erklärte Krümel. Er klang zwar zuversichtlich, aber seine Stimme brach. Philippe sah, wie sehr seine Knie bebten. Er konnte sich kaum aufrecht halten.
Mit wenigen Schritten eilte er zu dem jungen Mann hinüber und umarmte ihn fest. In dem Moment begannen all seine Wunden wieder höllisch zu brennen. Er ignorierte den Schmerz. Krümel war die einzige, wichtige Person für ihn. Er spürte, wie sich der Junge an ihn klammerte und plötzlich anfing zu schluchzen.
„Philippe, er sammelt die Leben und Seelen von solchen, die nicht menschlich sind!“, keuchte er erstickt.
„Hier sind so viele von ihnen … Hunderte … alle tot! Er hat sie ausgestellt! Er …“
Krümel brach ab und vergrub seinen Kopf an Philippes Brust. Das letzte bisschen Fassung bröckelte und hinterließ nichts als einen verzweifelten, zutiefst schockierten jungen Mann.
Behutsam nahm Philippe Krümels Gesicht in seine Hände und zwang den Jungen, ihn anzusehen. Die großen, hellen Augen sprachen von dem Grauen, was er gesehen haben musste. Seine Lider waren rot von den Tränen.
Wortlos neigte sich Philippe zu seinem Geliebten und küsste ihn. Er wollte wenigstens für einige wenige Sekunden vergessen, was um sie herum existierte.

Krümel keuchte in Philippes Kuss hinein. Erschrocken fuhr er auf und sah sich nach dem Monster um. Um sie herum begann sich diese Höhle aufzulösen, wurde fadenscheinig und kälter.
Ein eisiger Windstoß vertrieb das Bild vollständig. Sie standen auf dem leeren, stillen Weihnachtsmarkt, der wohl schon vor Stunden seine Tore geschlossen haben musste. Viele Buden waren bereits abgebaut worden und lagen auf Tiefladern aufgeschichtet, die über den Platz verteilt standen. Vor Hängern parkten Zugmaschinen und Transporter.
In die Stille drang das Getrampel und Geschrei kleiner Kinder. Lachen und Wortfetzen streiften ihn, bevor sie mit dem Neuschnee von kalten Windböen fortgetragen wurden.
Philippe sah zu Boden. Dort, wo das Nostalgie-Karussell stand, hatten unzählige kleine Füßchen, wie die von Kindern, den frischen Schnee aufgewühlt. Sie verloren sich bereits nach wenigen Schritten. Er schauderte. Nirgendwo brannte Licht hinter den Fenstern, keine Menschenseele schien unterwegs oder wach zu sein. Lediglich die Kirchturmuhr rückte auf die frühe, dritte Stunde vor.
Die heutige Nacht war bereits der frühe Morgen des 24.Dezember. Heilig Abend!
Philippe keuchte. Eine seltsame hoffnungsvolle Euphorie ergriff ihn. Er lachte auf. Krümel klammerte sich enger an ihn.
„Was ist?“ fragte er.
„Nichts, Krümel“, entgegnete er, nachdem er sich ein wenig gefangen hatte.
Verstört sah der Punk ihn an.
„Nichts“, erklärte er sanft, während er Krümel den Arm um die Schulter legte und ihn an sich zog. Mit einer Hand tastete er über den Stich in seinem Bauch. Es tat weh, begann aber zu heilen.
„Nur dass es das erste befreite Weihnachtsfest ist, was diese Stadt erleben wird.“

© by Tanja Meurer

Die Nacht in mir – Kurzgeschichte zu „Schattengrenzen“

Die Nacht in mir

Passend zu kalten und bald weihnachtlichen Zeit – hier ein Link zu einer unveröffentlichten Kurzgeschichte zu „Schattengrenzen“ (Der Rebell)

Die Nacht in mir

Wann fing es an?
Oliver wusste es nicht mehr genau. Loderte das Feuer schon in ihm, als sie sich das erste Mal begegneten?
Nein, unmöglich. Zu Anfang empfand er Daniel lediglich als aufdringlich. Er nahm ihn nicht einmal wirklich wahr. Oliver senkte die Lider.

Er erinnerte sich noch an jenen kühlen Herbsttag, an dem er und seine Brüder übergangsweise in das Johannesstift gebracht wurden. Nach dem Mord an ihrer Mutter und dem Zusammenbruch ihres Großvaters boten sich ihnen keine weiteren Perspektiven mehr. Sie alle standen am Anfang eines Kriminalspektakels, in dem Oliver eine besondere Rolle zugedacht war. Für ihn begann eine Berg- und Talfahrt seiner Gefühle. Die Angst, seine beiden kleinen Brüder zu verlieren, Gewissensbisse, Entsetzen über die Ergebnisse ihrer Ermittlungen und die kleinen, berührenden Freuden zerrten bis heute an ihm. Seine Seele nahm damals Schaden.

In dieser Zeit drängte sich Daniel in sein Leben. Der Polizist kam Oliver falsch in seiner Rolle als Kommissar vor. Ihm fehlte jene würdevolle Distanz, die seine älteren Kollegen vermittelten. Zu seinen Fällen baute er immer eine Art persönlicher Nähe auf. Überhaupt unterschied er sich in allem von jedem anderen Beamten.
Daniel platzte in die trübe Realität. Er war herrlich lebendig. Seine Einstellung den Tag und nicht die Zukunft zu leben, vereinnahmte Oliver für ihn fast genauso sehr, wie seine unverwüstliche Frohnatur und seinen sträflichen Leichtsinn.

Während dieses komplexen Falles nahm Daniel zuerst die Rolle des Beschützers ein. Nach kurzer Zeit wurde er für Oliver Freund und Vertrauter. Vielleicht waren seine ersten, zaghaften Gefühle das Resultat von Daniels bedingungsloser Fürsorge.

Oliver erinnerte sich, dass er in seinem Freund sehr bald mehr sah. Daniel bedeutete ihm viel, vielleicht alles. In der damaligen Situation und seiner schrecklichen Ungewissheit über die Zukunft war er überfordert. Mit fünfzehn, fast sechzehn, erlag man schnell seinen Gefühlen.
Seine Welt brach ein, als der Fall abgeschlossen war. Ihre Wege trennten sich. Oliver verlor seine erste große Liebe.
So glaubte er wenigstens …

Lag dort der Anfang?
Er konnte sich diese Frage vorbehaltlos beantworten. Seit damals liebte er Daniel.
Doch an welchem Zeitpunkt entschied sich sein Freund für ihn? Darüber schwieg Daniel.

Olivers Blick schweifte hinaus. Das schwache Abbild seines Gesichtes reflektierte in der Fensterscheibe. Er ignorierte es. Eisnebel hing in der Luft. Die Dämmerung trat langsam ein. In einer knappen Stunde würde es hell werden. Die Trostlosigkeit der reifüberdeckten Hügel spiegelte die Leere in seinem Herz wieder. Seit zehn Tagen, genaugenommen seit seinem neunzehnten Geburtstag, hatte er diesen Raum nicht mehr verlassen. Die trockene Heizungsluft reizte seine Augen. Sie tränten ständig. Der Geruch war unangenehm. Er versuchte ihn zu ignorieren. Was gäbe er nur für eine Zigarette; eine jener furchtbaren billigen, die Daniel immer rauchte. Er schob den Gedanken von sich.

Erneut stellte er sich die Frage, wann es tatsächlich begann. Für Oliver mit Sicherheit in dem Moment, in dem er Daniel nicht mehr als reinen Freund sah. Aber wann verliebte sich Daniel in ihn? Wie schwer fiel es ihm, den großen Altersunterschied zu ignorieren? Zehn Jahre waren viel. Meldete er sich deswegen bis zu jenem 14. Dezember nicht? Seine Gedanken schweiften zurück in die Zeit vor drei Jahren.

*

„Hoffmann!“, Oliver zuckte zusammen. Er saß auf seinem Bett, das Kissen im Nacken und die Decke im Rücken zusammengerollt. Im Hintergrund lief Musik. Er hörte nicht wirklich zu. Seine Aufmerksamkeit galt anderen Dingen.
Um ihn verteilt lagen seine Schulbücher. Nach fast einem Jahr Rekonvaleszenz musste er den Stoff so schnell als möglich nachholen. Er wollte die Klasse nicht wiederholen. Zum Wiedereinstieg wurde er zuerst noch einmal in die gleiche Klassenstufe verlegt, aus der er durch seinen Ausfall heraus gerissen wurde. Dank vieler Test und seiner guten Noten konnte er wieder in seinen Jahrgang wechseln. Allerdings fiel es ihm nun wesentlich schwerer. Jetzt nutzte er jede freie Minute zum Lernen.
Auf seinen Knien lag ein Collegeblock. Was ihm wichtig erschien, schrieb er auf. Sein analytischer Verstand funktionierte noch wie vor der Zeit in der Klinik. Er wollte sein Abitur verkürzen. Zeit gönnte er sich nicht. Es stand außer Frage, dass er – elternlos wie er war – nun nicht mehr studieren konnte. Oliver setzte sich ein neues Ziel. Er wollte die Buchhandlung seines Großvaters übernehmen. An sich gab es nicht sonderlich viel, was ihn an diesem Beruf reizte, allerdings war es die einzige Möglichkeit, Geschäft und Haus in Familienbesitz zu behalten.

Obwohl er heute sechzehn Jahre alt wurde, war dieser Tag so wenig besonders wie jeder andere. In der kleinen Wohneinheit, in der er lebte, nahm darauf auch keiner der Pfleger Rücksicht.

Kai stieß die Tür auf.
„Sag mal, du Penner, hast du nicht gehört?!“, fauchte er.
Oliver knirschte zornig mit den Zähnen. Er hob den Blick und starrte den Jungen an. Er kannte Kai aus dem Johannesstift. Obwohl sie einander nicht mochten, verband Oliver etwas Positives mit ihm. Es war der Moment in dem er das erste Mal auf Daniel traf. Kais Gegenwart erinnerte ihn täglich mit bittersüßen Gefühlen daran. Trotzdem verging kein Tag, an dem sie sich nicht gegenseitig bekriegten.
„Was?!“, zischte Oliver gereizt. Kais schlanke, kleine Gestalt wich bis auf den Flur zurück. Seine Mimik änderte sich trotzdem nicht. Er war die wandelnde Aggression.
„Besuch, Arschloch!“, gab er zurück. Seine Stimme sank auf ein Grollen herab, was seinen unstillbaren Zorn nur verdeutlichte.
Oliver richtete sich auf. Er rechnete mit seinen beiden kleinen Brüdern. Als Daniel an Kai vorüber trat und die Tür hinter sich zu warf, elektrisierte Olivers Körper. Kai fluchte lauthals, trollte sich aber rasch.
Daniel brachte die vorwinterliche Kälte mit sich. Der kleine Raum füllte sich mit Leben. Olivers Herz schlug schneller. Grinsend zog Daniel seine graue Wollmütze ab. An seinem Äußeren schien sich kaum etwas verändert zu haben. Sein rot-grünes Haar hing strähnig um sein schmales, kantiges Gesicht. In den hellen Augen des Polizisten schimmerte der Schalk. Er zog seine schwere Lederjacke aus und ließ sie auf Olivers Bürostuhl fallen. Irgendwie kam er Oliver noch größer und muskulöser vor.
Sprachlos starrte er Daniel an. Sein Herz schlug schmerzhaft hart. Oliver wurde bewusst, dass er seinen Freund liebte.
Rasch legte er seinen Block zur Seite und sprang auf. Stumm fiel er Daniel um den Hals. Stoff und Haut seines Freundes atmeten noch die eisige Kälte, doch sein Körper verströmte rasch Wärme.
„Das ist die Begrüßung, die ich wollte“, lachte Daniel. Er umschlang Oliver fest. Mit einer Hand wuschelte er durch Olivers gelockten, herabhängenden Iro. „Du bist unterdessen ein richtiger Punk, mein Kleiner.“ Er lachte. „Und du bist wieder gewachsen. Bald hast du mich eingeholt!“
Wortlos vergrub Oliver seinen Kopf an Daniels Schulter. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Sein Schädel war leergefegt. Daniel drückte ihn lang an sich. Sein Atem streifte Olivers Hals. Wohlige Schauer durchrannen ihn.
Er fühlte sich unglaublich wohl.
„Hast du ein Karnickel in deiner Hose, oder ist das die Wiedersehensfreude?“, fragte Daniel grinsend.
Tatsächlich regte sich Olivers Körper bei der intensiven Nähe. Peinlich berührt wollte Oliver ihn loslassen, doch Daniel hielt ihn fest. „Bleib hier, dummer Kerl“, flüsterte er, wobei er seinen Griff etwas lockerte. Blut schoss in Olivers Wangen. Die Hitze, die binnen Sekunden zwischen ihren Körpern entstand, blieb bestehen.
Er sah Daniel an. Alles in ihm schrie nach seiner Nähe und dem Genuss, von ihm berührt zu werden. Er sah seinem Freund in die Augen. Eine leise, warnende Stimme in den verborgenen Winkeln seines Bewusstseins wisperte von der Gefahr ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen, wenn er auf diesem Weg weiter ging. Oliver ignorierte sie.
Daniel erwiderte seinen Blick. Derselbe große Ernst, den Oliver bereits an ihm kannte, breitete sich in seinen Zügen aus. Aller Schalk verschwand. Daniel schien zu überlegen. In seinen Augen spiegelte sich ein Hauch seiner inneren Unruhe wieder. Er löste eine Hand von Olivers Rücken. Die behutsame Berührung von seinen Fingern auf Olivers Wange brannten eine Spur aus Feuer über seine Haut. Wortlos neigte er sich zu ihm. Oliver wusste was Daniel wollte. Instinktiv kam er ihm entgegen. Die Lippen seines Freundes waren rau. Trotzdem nahmen sie diesem Kuss nichts von seiner Süße. Oliver spürte, wie seine Gefühle explodierten. Lava floss durch seine Adern. Seine Knie bebten. Mit flatternden Lidern erwiderte er Daniels Liebkosungen. Diese Berührungen verzauberten ihn. Oliver schlang seine Arme um Daniels Nacken. So schrecklich dieses Jahr auch sein mochte, es endete zauberhaft und schön.
Nach einer Weile löste Daniel sich von ihm.
„Alles Gute zum Geburtstag, mein Kleiner.“

*

Oliver senkte den Blick.
Damals, an jenem 14. Dezember, erwachte er zu neuem Leben. Er konnte noch immer nicht sagen, wann Daniel anfing ihn so sehr zu lieben. Die Antwort darauf blieb ihm sein Geliebter auf ewig schuldig. Sicher war nur, dass er Oliver liebte. Ihre gemeinsame Zeit war so schön und intensiv. Drei Jahre größten Glücks zerbrachen heute mit grausamer Endgültigkeit. Oliver sehnte sich schmerzhaft nach Daniels Gegenwart und Wärme.

Jemand klopfte. Die Bilder zerfaserten wie der Nebel über den winterdürren Hügeln. Die Szenerie vor ihm verschwamm. Oliver wurde klar, dass er weinte.
Kai trat ein. Oliver beobachtete seinen alten Freund in der Scheibe. Wortlos schritt Kai zu ihm. Er trug das allgegenwärtige, widerliche Krankenhaus-Grün.
Behutsam legte er Oliver eine Hand auf den Rücken. Automatisch versteifte er sich unter Kais Berührung. Sie fühlte sich so falsch an.
„Ich weiß, was in dir vor sich geht“, flüsterte Kai. Oliver presste verzweifelt die Kiefer aufeinander. Er schwieg.

In der Reflektion des Fensters erkannte er einen weiteren Mann. In den letzten zehn Tagen waren sie sich oft begegnet. Der Arzt hielt sich dezent im Hintergrund.

Oliver drehte sich brüsk um. Kais Hand glitt von seiner Schulter herab. Mit langen Schritten ging er zu Daniels Bett. Wie bleich er war. Seine Züge wirkten erschöpft und zugleich glatt wie die eines Kindes. Strähnen seiner bunten Haare lagen auf dem weißen Kissen. Auch sie wirkten farblos auf Oliver. Daniels schönes Gesicht …

Er neigte sich zu seinem Geliebten herab und küsste ihn. Seine Lippen schmeckten nach Tod. Sie fühlten sich kalt an. Diese furchtbare Krankheit! Er strich Daniel über die Wange. Heute war der letzte Tag ihrer beider Leben, das damals zu einem verschmolz. Welch ein Hohn. Was für eine furchtbare Weihnachtsüberraschung.
Der Arzt trat zu ihm. „Haben Sie die Patientenverfügung gelesen und alles unterschrieben, Herr Hoffmann?“
Oliver nickte schwach. Diese letzten Worte fielen ihm so unendlich schwer.
„Bitte, schalten sie die Maschinen ab.“

© by Tanja Meurer

Homonale Wiesbaden und das schwullesbische Lese-Festival in Wiesbaden


Wie schon beim letzten Mal erwähnt, findet 2014 die 14. Veranstaltung der Homonale statt. Was ist das? – die Homonale ist ein schwullesbisches Filmfestival, was seit 14 Jahren immer im Januar von einem Freitag bis zu einem Sonntag im Lichtspielhaus Caligari sattfindet. Dazu sollte erwähnt werden, dass das Caligari eines der schönsten Kinos in ganz Wiesbaden ist. Es stammt aus den 20ern und wurde im alten Stil wieder hergerichtet. Prunk in Reinstform. Etwas für Bau- und Historik-Freaks wie mich. Davon abgesehen unterscheidet es sich gravierend von den üblichen modernen Kinos. Man hat große, breite Sessel mit rotem Samtbezug, Beinfreiheit und ein kleines Tischchen, auf dem man gefahrlos seinen (durchaus bezahlbaren) Café zwischenparken kann. Zudem gibt es eine Galerie und eine Marmor-Granit-Vorhalle. Stil, Stil, Stil 🙂

Die Homonale mit ihren ausgesuchten Filmen – allesamt stilvolles Kino, Problemkino und vor allem internationales Kino, also nicht nur die üblichen amerikanischen Streifen, sondern französische, israelische, polnische, … Filme. Hier hat sich das Homonale-Team unglaublich eingehende und sehr schöne Gedanken gemacht. Die gesammelten Vorschläge wurden gründlich geprüft und durchdacht. Anhand von Trailern und Vorpremieren fand die Auslese statt. Ich muss sagen, es kamen sehr sehr interessante Filme dabei heraus. Beispielsweise gehen für das schwule Kino Filme wie „In the Name of …“, „Der Fremde am See“ und „Liberace“ an den Satrt und für das lesbische Kino der preisgekrönte Film „La vie d’Adele“ (Blau ist eine warme Farbe) oder „Lipstika“.

In jedem Fall dürfte sich für jeden etwas finden.

Hier Termin und Ort der Homonale: 24.01. bis 26.01. und 03.02. (Nachlese) im Caligari, Marktplatz 9, 65183 Wiesbaden und der Flyer.

Ein Wochenende nach der Homonale wagt sich Juliane mit dem Lesecafé Wiesbaden an die wohl größte Aktion, die es im Zuge dessen bisher gegeben hat – ein zweitägiges Lesefestival mit schwullesbischen Autoren. An zwei Tagen lesen 12 Autoren aus ihren schwule und lesbischen Romanen, Novellen und Kurzgeschichten. Die Themen sind nicht ausschließlich das klassische Coming out sondern gehobene Belletristik, Fantasy, Steampunk, Romance, Krimi, Thriller und Mystery/ Horror. Für jeden Geschmack sollte etwas dabei sein. In der Szene bekannte Autoren wie Martin Skerhut, Jannis Plastrgias, Jana Wather und Chris P. Rolls lesen.

Lesecafé Wiesbaden

Lesecafé Wiesbaden, Schwullesbische Lesung

Hier auch der exakte Programmablauf und die Autoren. Hoffentlich gelingt es mir, von allen die aktuellen HPs zu verlinken. Wenn nicht bitte ich vielmals um Entschuldigung:

Samstag:

Sonntag:

Hier der Flyer mit den genauen Terminen.

Flyer

Flyer

Wie ihr gesehen habt, lese ich am Samstag um etwa 17:00 h. Da Chris und ich zweigleisig fahren, soll heißen wir lesen schwul und lesbisch, kann ich hier schon mal angeben, dass einmal „Der Rebell“ (Schattengrenzen II) für die Jungs an den Start geht, soll heißen Mystery-Thriller mit Horror-Elementen. Diese beiden Jungs sind die Protagonisten:

Copyright by Nathie (Creationwarrior.net)

Copyright by Nathie (Creationwarrior.net)

Und für die Ladies gehen meine beiden Damen aus den Stemapunk-Msyterys an den Start, Madame Zaida und Anabelle Talleyrand (dieses Mal mit dem neuen Buch „Mord ohne Leiche“).

Die Nacht der Schwäne

Anabelle und Zaida

Momentan interessieren sich zwei Verlage für die Geschichten. Vielleicht wird es ja was 😉 Hier auch die Rückklappentexte zu den Büchern.

Der Rebell:

Der 16-jährige Oliver und seine jüngeren Brüder Christian und Michael überleben die schlimmste Nacht ihres Lebens. Ihr Vater ermordet Mutter und weitere Geschwister. Das Motiv scheint auf der Hand zu liegen: Untreue.
Doch Oliver und seine Brüder wollen nicht daran glauben, insbesondere als auf Christian ein Anschlag verübt wird.
Fassungslos über die Tat und die Inaktivität der Polizei, suchen sie auf eigene Faust nach der Wahrheit und stoßen auf einen unheimlichen Gegner. Lediglich der unerfahrene Kommissar Daniel Kuhn steht ihnen bei.
Zur selben Zeit werden mehrere Tote im Haus des einzigen noch lebenden Verwandten entdeckt. Die Leichen liegen bereits seit 70 Jahre dort. Die Fälle scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, aber Olivers Neugier ist unstillbar. Er glaubt nicht an Zufälle und findet die Gemeinsamkeiten in beiden Fällen.
Doch ihre Gegner scheinen nicht unter den Lebenden zu weilen.

Mord ohne Leiche:

London 1876 – der Mord an einer Frau wird beobachtet, die Metropolitan Police informiert. Anabelle Talleyrand, die französische Wissenschaftlerin, unterstützt Inspektor Hailey in diesem Fall. An sich nichts Ungewöhnliches für die mechanisches Frau, doch dieses Mal ist ihre Gefährtin Madame Zaida nicht an ihrer Seite, um sich der Begleiterscheinung übernatürlicher Ereignisse anzunehmen. Anabelle und Hailey können sich nur auf ihre eigenen Fähigkeiten und ihren klaren Verstand verlassen, denn in diesem Mordfall gibt es keine Leiche.

Schaut vorbei, hört euch die Sachen an, denn es lohnt sich wirklich.

Queer.de, Ankündigungen und die Homonale in Wiesbaden


Am 15.12. ging die lang ersehnte und gefürchtete Rezension zu „Der Rebell“ bei Queer.de online. Ersehnt, weil Frank, der Rezensent, auch schon „Glasseelen“ hatte und sehr gut bewertete. Diese Rezension findet ihr bei dem Onlinemagazin Corona in der Ausgabe 292 unter dem Punkt 6 mit dem Titel Buchkritik: „Glasseelen“ von Tanja Meurer.  Deswegen war ich mir gar nicht so sicher, dass Frank den zweiten Band genauso gut bewertet. Einen schwulen Mann als lesbische Frau mit zwei schwulen Hauptcharakteren zu überzeugen ist ganz und gar nicht einfach. Aber offenbar habe ich es geschafft 🙂  Die Rezi von ihm auf Queer.de ist Wahnsinn geworden. Hier könnt ihr sie lesen: Mord, Geister und unzüchtige Gedanken.

Insofern muss ich mich für den Tipp, mich bei Queer.de zu melden, bei Jule und der Verlegerin des Incubus Verlages bedanken. Kira sagte mir, dass sie alle Bücher ihres Verlages dort rezensieren lässt. Was ist auch genialer als das positive Urteil eines schwulen Mannes über mein Buch? Allein deswegen bin ich schon ziemlich auf Wolke sieben 🙂 Oliver kommt allerdings bei allen Rezis gut weg. Er ist offensichtlich ein glaubhafter Mensch. Das ist generell immer das allerschönste Kompliment von allen. Hoffentlich werden damit auch die ganzen anderen Bücher mit all den unterschiedlichen Personen, Genres und Zeitebenen genauso real.

Übrigens am 01.02.2014 und am 02.02.2014 findet in Wiesbaden begleitend zur Homonale, dem traditionell seit 14 Jahren stattfindenden schwullesbischen Filmfestival im Lesecafé Wiesbaden eine schwullesbische Lesung über zwei Tage statt. Autoren wie Sabine Brandl (lesbisch), Conny Reinhardt (lesbisch), Martin Skerhut (schwul), Jannis Plastrgias (schwul), Jana Walther (schwul), Brunhilde Witthaut (schwul), Andrea Conrad (schwul), Yuliya Sokalska (lesbisch), Anna Maske (lesbisch), Chris P. Rolls  und ich werden ihre Romane und Kurzgeschichten vorstellen. Allerdings lesen Chris und ich je aus einem schwulen und einem lesbischen Roman, wobei von meiner Seite erwähnt werden sollte, dass ich aus „Der Rebell“ einen Ausschnitt wähle und aus „Mord ohne Leiche“ (einer der unheimlichen Kriminal-Steampunk-Novellen um Anabelle, Madame Zaida und Jewa). Die Steampunkbücher scheinen nun auch ein Heim zu finden. Bei der Lesung kann ich vielleicht ein paar entsprechende Ankündigungen dazu machen.

Infos zum Rebellen


Aus dem Klappentext erfährt man immer nur bedingt viele Infos. Was kann man sich schon unter dem Klappentext und dem Innenklappentext vorstellen?

Der 16-jährige Oliver und seine jüngeren Brüder Christian und Michael überleben die schlimmste Nacht ihres Lebens. Ihr Vater ermordet Mutter und weitere Geschwister. Das Motiv scheint auf der Hand zu liegen: Untreue.
Doch Oliver und seine Brüder wollen nicht daran glauben, insbesondere als auf Christian ein Anschlag verübt wird. Fassungslos über die Tat und die Inaktivität der Polizei, suchen sie auf eigene Faust nach der Wahrheit und stoßen auf einen unheimlichen Gegner. Lediglich der unerfahrene Kommissar Daniel Kuhn steht ihnen bei.

Zur selben Zeit werden mehrere Tote im Haus des einzigen noch lebenden Verwandten entdeckt. Die Leichen liegen bereits seit 70 Jahre dort. Die Fälle scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, aber Olivers Neugier ist unstillbar. Er glaubt nicht an Zufälle und findet die Gemeinsamkeiten in beiden Fällen.
Doch ihre Gegner scheinen nicht unter den Lebenden zu weilen.

*** und ***

Olivers Welt bricht zusammen, als sein Vater wie von Sinnen über seine Mutter und seine Geschwister herfällt. Nur Christian und Michael überleben die Mordnacht unbeschadet. Oliver muss nach seinen schweren Verletzungen reanimiert werden. Danach ändert sich seine Realität. Er hat einen Blick hinter den „Spiegel“ geworfen. Obwohl er diese Welt gern ausschließen will, begleitet sie ihn.

Als auf Christian ein Anschlag verübt wird und Michael ihm beteuert, der Angreifer habe sich vor seinen Augen in Luft aufgelöst, und zeitgleich weitere Tote gefunden werden, will Oliver nicht mehr untätig abwarten. Zusammen mit seinem Freund, der jungen Kriminalkommissar Daniel Kuhn, taucht er in die Ermittlungen ein. Gemeinsam setzen sie die einzelnen Fragmente einer Vergangenheit zusammen, deren Auswirkungen die Katastrophen in der Gegenwart begründen.

Okay, hier ein paar Grund-Infos zu „Der Rebell“:

1. Es spielt in Wiesbaden
2. Der Protagonist ist Oliver, ein 16-jähriger Junge (den Begriff hasst er), der weitaus erwachsener reagiert
3. Camilla ist dabei, aber erst am Ende des ersten Drittels (und sie ist viel entspannter als in „Glasseelen“, schließlich betrifft es sie nur noch indirekt)
4. Matthias Habicht (Glasseelen) übernimmt eine sehr große Rolle
5. Bernd Weißhaupt (Glasseelen) ist auch wieder mit von der Partie (und er entwickelt eine Phobie gegen übernatürliche Ereignisse)
6. Das Buch ist etwas brutaler als der erste Band und damit auch generell heftiger.
7. Es ist eine Geisterhaus-Geschichte, die zugleich in zwei Kriminalfälle ausläuft
8. Es ist unheimlich (nicht durchgänig, aber an vielen Stellen)
9. Olli hat kein hübsches Mädel an seiner Seite – er ist schwul (und er weiß es)
10. Es gibt da noch den lieben Daniel … einen unkonventionellen Beamten, der auch etwas … anders ist 😉
11. Es gibt keine Unterwelten (aber einen Keller, der Oliver fast zu Verhängnis wird)
12. Literarisch gibt es nur eine schwache Vorlage, die wird aber nur am Rand erwähnt.
13. Die Geschichte ist geradliniger als „Glasseelen“.

Die Fragerunde zu dem Buch startet heute, um 19:30 h auf LovelyBooks. Alle weiteren Details erfahrt ihr bei Interesse später 😉

http://www.lovelybooks.de/autor/Tanja-Meurer/Der-Rebell-Schattengrenzen-2-1053057547-t/leserunde/1058994968/

Heute werden auch die ersten Bücher zu „Der Rebell“ über LovelyBooks verlost und zu den Büchern Illustrationen. Hier könnt ihr euch schon mal einen kleinen Eindruck davon verschaffen:

Dem Licht so fern

Dem Licht so fern – Tusche, A3

Das Bild ist schon ein bisschen älter, aber Jule liebt es 😉 Oliver und Jamal.

Wahre Liebe

Wahre Liebe, Tusche, A3

Das ist Oliver mit seinem (zu diesem Zeitpunkt) nicht mehr ganz so kleinen Bruder Michael. Der Titel bezieht sich auf die dicke Häsin Opa.

Lass mich Deine Stärke sein

Lass mich Deine Stärke sein, Tusche A3

Ein weiteres Bild mit dem inzwischen erwachsenen Jamal – ein paar Jahre nach „Der Rebell“.

Die Nacht in mir

Die Nacht in mir – Bleistift, A3

Ein einzelnes Portrait von Oliver, zu dem eine entsprechende Kurzgeschichte gehört.

Wenn ihr heute mitmacht, könnt ihr eines der Bücher und eines der Bilder gewinnen 🙂 Eure Losfee ist Katja. Viel Glück also und fragt mich einfach alles, was ihr wollt.

Liebe Grüße

Tanja

Der Rebell - Cover

Der Rebell – Cover